RTL-Show

Ein Tränentier ist Dschungel-König

Kakerlaken, Schlangen, Krokodilpenis: Den drei verbliebenen Lagerbewohnern blieb im großen Finale des Dschungel-Camps nichts erspart. Am Ende triumphierte dann ausgerechnet Heulsuse Ross Antony über Bata Illic und Michaela Schaffrath. Und vergoss vor Rührung erstmal ein paar Tränchen.

Es ist vollbracht. Im australischen Regenwald kehrt wieder Stille ein, die Kängurus müssen nicht länger um ihre Hoden bangen und Dirk Bachs Kostümschneiderin kann auch für dieses Jahr alle Hoffnungen auf eine Oscar-Nominierung begraben.

Ach ja, und es regiert natürlich ein neuer Dschungelkönig, pardon, eine Dschungel-Prinzessin: Ross Antony wirkte gestern nach seiner „Krönung“ so gelöst wie in den ganzen 16 Tagen nicht. Dass ausgerechnet das emotional instabile Rumpelstilzchen ihr Nachfolger würde, hätte sich Lästerziege Désirée Nick wohl in ihren schlimmsten Alpträumen nicht ausgemalt.

Doch vor die Verkündung des Ergebnisses der Publikumsabstimmung hatte RTL für die verbliebenen drei Dauercamper jeweils eine letzte Dschungel-Prüfung gesetzt. Und schickte dabei als finales Aufgebot noch einmal alles an lebendigem und totem Ekel-Getier ins Rennen, was der Urwald so hergab. Um für sich und die anderen Vor-, Haupt- und Nachspeise fürs letzte Abendmahl zu erkämpfen, mussten Bata Illic, Michaela Schaffrath und Ross getrennt voneinander noch einmal ran - und verhielten sich wie immer. Die Zuschauer kamen in den zweifelhaften Genuss, endlich doch noch zu erleben, wie auf ein im Glassarg liegendes Schneewittchen 40.000 schon bekannte Kakerlaken herabregneten. Doch wo Julia Biedermann vergangene Woche gekniffen hatte, ließ Michaela das Ungeziefer gestern ohne einen Mucks über ihre Kurven krabbeln. Zu zögerlich agierte Bata als Schlangenbeschwörer. Durch eine Box voller Reptilien sollte er die Sterne transportieren. Doch trotz guten Zuredens ließ ihn eine Natter nicht vorbei und die Zeit lief ihm davon.

Ross schließlich heulte schon Rotz und Wasser, bevor er überhaupt wusste, worum es ging. „Lebendige Tiere kann ich nicht essen. Da hab' ich riesige Angst vor.“ Wenig später verspeiste die mutige Mimose aber natürlich dann doch ein paar Würmer und eine Grille sowie angebrütetes Truthahn-Ei, gekochten Känguru-Anus und Krokodil-Penis. Mordsspektakel wie gewohnt inklusive.

Kurzum: Im Dschungel nichts Neues. Spannend wurde es erst bei der Platzvergabe. Nach dem Willen der Zuschauer schleppte sich zuerst Senior Bata aus dem Camp. Und dann ließ auch noch Michaela als Zweitplatzierte den armen Ross allein und na? - genau: weinend zurück. Eigentlich kehrten gestern aber alle Finalisten als Sieger dem Lager den Rücken, auch wenn sie sich wohl keine gesteigerten Hoffnungen auf eine längerfristige Wiederbelebung ihrer versandeten „Karrieren“ machen dürfen. (Oder weiß vielleicht noch irgendjemand, was der Dschungelkönig der ersten Stunde Costa Cordalis heute macht?) Denn es war kein Zufall, dass ausgerechnet dieses Trio in der Publikumsgunst ganz vorne lag. Alle drei haben, jeder auf seine Weise, das vorgefertigte Bild, das man vor Beginn der Show von ihnen im Kopf hatte, enttäuscht und stattdessen die Gelegenheit genutzt, in Spitzenzeiten über fünf Millionen Zuschauern ihre Persönlichkeit in anderem Licht zu präsentieren. Ob wir in den letzten zwei Wochen wirklich ihr wahres Gesicht gesehen haben, sei dabei mal außer bei der ehrlichen Haut Bata, dem jedes schauspielerische Talent abgeht und der deshalb gar nicht anders konnte, als authentisch zu sein, dahingestellt.

Nichtsdestotrotz hätten wohl die Wenigsten vorher geglaubt, dass Michaela sich 16 Tage lang in die Rollen des patenten Kumpeltypen und der fürsorglichen Lager-Krankenschwester fügen würde, die selbst Barbara Herzsprungs verfaulende Füße ohne mit der Wimper zu zucken hingebungsvoll pflegte. Das alles wollte so gar nicht zu ihrem Image passen, das sie selbst treffend beschrieb: „Die Ex-Porno-Tussi, die ist auch nur blöd und blond, hat dicke Möpse und nix im Kopp.“

Dieser positiven Überraschung war die Sympathie geschuldet, die sie bis ins Finale trug. Genauso wenig zu erwarten stand, dass man einen tatterigen Schlager-Rentner, der wahrscheinlich immer noch von den Tantiemen für seinen einzigen großen Hit lebt und die ersten paar Tage auf seinem Feldbett dem Jenseits entgegen zu dämmern zu schien, im Laufe der Zeit fast so etwas wie lieb gewann.

Denn trotz (oder wegen?) unverkennbarer Anflüge von Senilität kam man nicht darum herum, sich von der Herzensgüte, Altersweisheit und Entschlossenheit des Barden, dem Camp-Leben stets die guten Seiten abzugewinnen, anrühren zu lassen.

Den größten Wandel im Bewusstsein der Zuschauer machte aber wohl Ross durch. Nicht, dass er am Ende der Staffel weniger hysterisch oder hyperaktiv gewirkt hätte, denn diese Eigenschaften sind offensichtlich untrennbar Teil seines Charakters. Aber dass gerade die durchgedrehte Heulsuse in den entscheidenden Momenten Angst und Ekel – wenn auch unter lautem Geschrei – tapfer überwand, nötigte einem Respekt ab.

Zum Sieger wurde der verhinderte Held vielleicht deshalb gekürt, weil dem Publikum darüber hinaus aufging, dass er selbst von der eigenen Beherztheit am meisten überrascht wurde. Denn auch wenn der couragierte Angsthase vorgab, die „Delikatessen“ gestern hinuntergewürgt zu haben, um den anderen ein nahrhaftes Abendessen zu verschaffen, tat er es in Wirklichkeit aus einem ganz anderen Grund: Sicherlich teilweise, damit ihm die Zuschauer Anerkennung zollten, vor allem aber, um sich selbst etwas zu beweisen.

Ross hat sich im Dschungel-Camp zwar nicht pekuniär, aber in Hinsicht auf das eigene Selbstwertgefühl vom Tellerwäscher zum Millionär gemausert. (Was nicht heißen soll, dass es zum Lernen dieser Lektion eines Krokodilpenis bedurft hätte.) Und solche Geschichten wollen anscheinend nicht nur die Amerikaner, sondern auch die Deutschen immer wieder sehen.