Ausstellungsräume

Der Berliner Antikensammlung fehlt das Haus

Die Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin zählt zu den bedeutendsten der Welt. Trotzdem gibt es kein Haus für Berlins antike Skulpturenschätze, die auch noch schlampig katalogisiert sind - weshalb wertvolle Berliner Stücke mitunter überraschend im Ausland auftauchen.

Foto: AP

Früher war ganz sicher nicht alles besser, aber manches selbstverständlich. Das Wissen um die Antike zum Beispiel. Eine Ausstellung wie die jüngst im Berliner Pergamonmuseum unter dem Titel "Die Rückkehr der Götter" eröffnete, wäre vor 100 Jahren noch völlig unnötig gewesen - wenn man von den Präsentation frisch restaurierter Depotbestände einmal absieht.

Wer Hera und Zeus, Athene und Dionysos waren, was diese Ausstellung erklärt, wusste man damals einfach. Schön sind die frisch restaurierten Skulpturen trotzdem, zumal sie zum nahezu unbekannten Skulpturenbestand der Sammlung des Berliner Antikenmuseums gehören.

Wie überhaupt die Antikensammlung zu den großen Unbekannten der Staatlichen Museen zählt. Denn noch immer haben die Objekte kein eigenes Haus und mit dem Umbau des Pergamonmuseums wird die Sammlung 1500 Quadratmeter Ausstellungsfläche Platz an das Museum für Islamische Kunst verlieren. Nur die antiken Großarchitekturen, wie der Pergamonaltar und das Markttor von Milet werden im Pergamonmuseum bleiben. Der traditionelle und ideale Ausstellungsort für die antike Skulptur, das Alte Museum, ist noch nicht restauriert. Und überhaupt ist nicht klar, ob das Museum, das einst für die Antikensammlung gebaut wurde, auch Dauerausstellungsplatz für diese Sammlung wird.

Andreas Scholl, Direktor der Antikensammlung seit 2004, erhofft sich von Michael Eissenhauer, dem neuen Generaldirektor der Staatlichen Museen, dringend verbindliche Zusagen. Dann hätte die Sammlung drei Standorte. Den ersten im Pergamonmuseum, den zweiten irgendwann im Alten Museum und den dritten demnächst im Neuen Museum. Denn zur Vor- und Frühgeschichte gehören eben auch Teile der Archäologie der römischen Provinzen, mit denen die Antikensammlung reich gesegnet ist. Außerdem wird Scholl das Alte Zypern vorstellen - eine Sammlung mit Keramik und Kalksteinplastik, die bisher nahezu komplett im Depot lag. Und ein vierter Standort wäre möglich, wenn die Idee der Rekonstruktion der Kunstkammer im neu gebauten Schloss umgesetzt würde. Scholl: "Ich fände das spannend, weil man den Leuten zeigen könnte, was die Keimzelle der Staatlichen Museen war."

1698 wurde die Sammlung gegründet

Gegründet von den brandenburgischen Kurfürsten, wurde 1698 mit dem Ankauf der römischen Sammlung Bellori der Grundstein für den Ruhm der riesigen enzyklopädischen Antikensammlung gelegt. Heute zählt sie zu den bedeutendsten außerhalb Italiens und Griechenlands. Verglichen werden kann sie weltweit nur mit den Sammlungen des British Museum in London und des Louvre in Paris.

Doch die Antikensammlung ist nicht nur groß und hat noch kein eigenes Haus, sie ist auch noch nicht vollständig erfasst. Ein Erbe der DDR, die nicht allzu viel Kraft, Geld und Zeit auf die Inventarisierung der Bestände verwendete. Deshalb gibt es noch immer keine genaue Zahl der Objekte.

Zudem fehlt vieles aus dem Bestand, es wurde 1945 nach Russland abtransportiert und 1958 nicht zurückgegeben. 1500 griechische Vasen zum Beispiel. Lange nahm man in Deutschland an, dass diese Stücke unwiederbringlich verloren sind. Seit 2005 weiß man, dass mehr erhalten ist, als lange zugegeben wurde. Die Ausstellung "Archäologie des Krieges - Rückkehr aus dem Nichts" im Moskauer Puschkin-Museum zeigte mehr als 300 Objekte allein aus dieser Sammlung.

Vieles lagert in Russland

"Die zweite Sensation war, dass uns die Kollegen aus dem Historischen Museum in Moskau zu unserer maßlosen Verblüffung viele erstklassige Berliner Stücke in ihrem Depot zeigten", erzählt Andreas Scholl. Und nicht nur dort lagern antike Berliner Kunstwerke, sondern wahrscheinlich noch in vielen anderen Provinzmusen des ehemaligen Sowjetreiches.

Nach den Moskauer Entdeckungen waren die Mitarbeiter der Antikensammlung euphorisch und hofften auf bessere Zusammenarbeit. Bis heute ist nichts weiter geschehen. Auch die Wissenschaftlerkontakte klappen nicht, so dass die Deutschen noch immer nicht wissen, was den Krieg überlebt hat. Denn schon die Vorkriegsdokumentation ist nicht perfekt.

Die Kriegsverluste waren allerdings nicht die ersten. Großen Schwund brachte Preußens Soldatenkönig. Der tauschte mit den sächsischen Königen Antiken gegen Soldaten. Deshalb sind heute ehemals Berliner Stücke in Dresden. Aber auch ohne diese Stücke ist die Antikensammlung riesig und voller jahrzehntelang nicht gezeigter Stücke. Die wertvolle Etrusker-Sammlung zum Beispiel lagert seit 1989 komplett verpackt in den Kisten der DDR im Depot. Damals waren diese bedeutenden Stücke zum letzten Mal in einer Ausstellung zu sehen. Und nicht nur die.

Deshalb glaubt man Andreas Scholl gern, wenn er sagt wieder einmal sagt: "Wir sind viel mehr, als man sieht."