Religion

Liegt Jesus doch in seinem Grab?

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Norbert Jessen

Foto: jsl_cs_bs / EPA

Die Christen glauben an die Auferstehung Jesu. Doch gab es sie wirklich? Über ein vermeintliches Familiengrab des Jesus von Nazareth in einem Vorort von Jerusalem wird seit Jahren erbittert gestritten. Auch ein Dokumentarfilm sorgte für Aufsehen. Jetzt sollen DNA-Analysen Erkenntnisse bringen.

In diesen Tagen hat die These wieder einmal Aufmerksamkeit auf sich gezogen, mit einer 1981 im Jerusalemer Vorort Talpiot entdeckten Grabhöhle hätten die Archäologen das Familiengrab des Jesus von Nazareth entdeckt. Im angesehenen akademischen Rahmen des Theologischen Princeton Seminars konnte der israelisch-kanadische Dokumentarfilmer Simcha Jacobovici seine Ansicht wieder eindrucksvoll zu Gehör bringen.

Sein Film "Die Grabhöhle von Jesus" hatte vor einem Jahr weltweit für Furore gesorgt, nicht zuletzt weil Oscar-Preisträger James Cameron ("Titanic") als Executive Producer beteiligt war. Zu Ostern 2007 wurde die Doku in 163 Ländern der Erde ausgestrahlt, auch in Deutschland.

Umstrittene DNA-Analysen

Es geht darin um Gebeintruhen, sogenannte Ossuarien, deren Namensinschriften sofort Erinnerungen an das Neue Testament wecken: Jeshua Bar Jossef (Jesus Josefsohn), Maria, in griechischer Form statt des Hebräischen Miriam, Mathia, Jossef, Judah und Mariamne e Mara. In Jacobovicis Film wird aufgrund dieser Namensgruppe eine statistische Wahrscheinlichkeit von eins zu 600 konstruiert, hier seien die Gebeine Jesus von Nazareths und seiner Familie gefunden worden.

Theologen, Archäologen, Statistiker und DNA-Forscher, so die Filmemacher, hätten über drei Jahre hinweg das Material studiert. Das Ergebnis sei erdrückend, entziehe es doch dem christlichen Glauben von der Auferstehung Christi den Boden. Das Grab enthalte die sterblichen Überreste von Jesus, seiner Mutter Maria, des Bruders Jakob, der Gemahlin Maria Magdalena und eines gemeinsamen Sohns Judah.
Dennoch riefen die Entdeckungen von Cameron und Jacobovici in der Fachwelt in der Regel Skepsis hervor, vor allem aber Ablehnung und Widerspruch. Ausgerechnet im Princeton-Seminar zerlegten namhafte DNA-Experten die im Film vorgestellten Analysen als "technisch unsauber". Die daraus gezogenen Folgerungen seien "mehr als spekulativ". Schriftexperten bezweifeln sogar die Lesart einiger Namen wie Miriam aus Magdala. Die somit Unbekannte könne auch aufgrund der umstrittenen DNA-Analysen nicht zweifellos dem benachbarten Jesus zugeordnet werden, sagen die Kritiker.

Umso medienwirksamer geriet daher der Auftritt von Ruth Gat jetzt während einer Tagung im Princeton-Seminar. Die Witwe von Jossef Gat, der vor einem Vierteljahrhundert die Grabhöhle entdeckt hatte, gab zur Protokoll: "Mein Mann glaubte Zeit seines Lebens, dass er das Grab Jesus entdeckt hatte, hielt seinen Befund aber zurück, weil er antisemitische Ausschreitungen in der christlichen Welt befürchtete."

Heftige Reaktionen auf Jacobovicis Thesen

Die Reaktion der Fachkollegen war heftig. "Wir sind die besseren Kenner der Materie", sagt Amos Kloner, der den Fund der Ossuarien erstmals öffentlich gemacht hatte. "Aber Jacobovici ist eindeutig der bessere PR-Produzent." Für Kloner ist der ganze Ablauf der Tagung, von der Einladung der Witwe Gats bis hin zur einseitigen Information der Presse, eine Inszenierung Jacobovicis. Dabei saß der nicht einmal auf der Bühne, sondern im Publikum und beschränkte sich auf Zwischenfragen. Und er fand Zuspruch. Der Kulturhistoriker Eli Shai nennt den Fund eine "Botschaft für die Menschheit".

Für die israelische Öffentlichkeit steht dagegen die Biografie Gats im Vordergrund. Der große Spatenforscher war Holocaust-Überlebender. Das mildert, auch für Kollegen, das unwissenschaftliche Verschweigen seiner Ansichten zu einer lässlichen Sünde.

Bei aller Aufregung um die Äußerungen von Ruth Gat gehen indes neue Beweise zum zehnten, verschollenen Sarkophag aus der Höhle von Talpiot unter. Während Cameron und Jacobovici in ihrem Film behaupten, es handele sich bei einer im Antiquitätenhandel aufgetauchten Gebeintruhe mit der Aufschrift "Jakob Bruder von Jesus" um einen Fund aus dem vermeintlichen Familiengrab Jesu, neigen die meisten Forscher mittlerweile der Darstellung der einst an der Grabung Beteiligten zu, diese Grabhöhle habe nie eine Aufschrift getragen. Mit dem Namen Jakob aber verliert die statistische Argumentation von Jacobovici weiter an Plausibilität.

Forscher protestieren gegen "Falschdarstellung"

Während Forscher aus aller Welt jetzt mit einem gemeinsamen Aufruf gegen Jacobovici und die "Falschdarstellung der Grabhöhle als das Jesusgrab" protestieren, plädiert der angesehene Schriftexperte Israel Knohl für weitere Forschungen. Der Bibelkundler von der Hebrew University in Jerusalem, Spezialist für die Zeit des Wirkens Christi, will sich mit den Argumenten der Spatenforscher noch nicht begnügen. Der Einwand, eine arme Familie aus Nordisrael hätte sich keine Grabhöhle in Jerusalem leisten können, sei "nicht ganz schlüssig", sagt Knohl. Auch spreche die Schlichtheit der Höhle nicht unbedingt gegen die These vom Familiengrab.

Wie das Neue Testament berichtet, soll das Grab nämlich von einem reichen Anhänger gestiftet worden sein. Prunklosigkeit könne auch Ausdruck einer Ideologie der Armut sein. Vor allem fordert Knohl endlich die Öffnung des Nachbargrabs in Talpiot, das die Forscher bislang nur kurz in Augenschein nahmen, bevor sie es wieder versiegelten.

"Was wäre, wenn dort der Name Jossef da Ramataim gefunden würde", fragt Knohl. Josef von Arimathäa war der reiche Anhänger, der sein Grab zur Beisetzung Jesu bereitstellte. Er wurde der Überlieferung nach in der Nähe beerdigt. Oder Namen, die in keinem Zusammenhang mit Jesus von Nazareth stehen. Als Wissenschaftler möchte Knohl einfach mehr Indizien, um Schlussfolgerungen besser abzusichern.

Existenzielle Gefahr für die christliche Theologie sieht Knohl nicht: "Schon vor 2000 Jahren wurde im Judentum der Begriff Auferstehung nicht unbedingt als physische Erscheinung verstanden. Theologisch würde ein Familiengrab jesusgläubigen Christen kein großes Umdenken erfordern."

Auch andere Wissenschaftler setzen sich für Ausgrabungen im Nachbargrab ein. In absehbarer Zukunft dürften diese Forderungen jedoch am Widerstand der Rabbiner scheitern. Israels Gesetz stellt die Grabesruhe über die Unruhe der Forscher.