Jürgen Flimm

Warum Jürgen Flimm an die Staatsoper kommt

| Lesedauer: 5 Minuten
Volker Blech

Foto: dpa / DPA

Der Intendant der Salzburger Festspiele, Jürgen Flimm, wird Chef der Staatoper Unter den Linden neben - oder unter - Daniel Barnenboim. Der Generalmusikdirektor hatte andere Kandidaten abgeschreckt. Flimm aber lockter er nach Berlin - obwohl nun ein Rechtsstreit mit dem alten Arbeitgeber droht.

Da sitzen sie also einträchtig auf dem Podium vereint, die beiden Operntiger: Daniel Barenboim, Generalmusikdirektor und – wie alle wissen – der eigentliche Chefentscheider der Staatsoper Unter den Linden, und Jürgen Flimm, sein neuer Intendant. Flimm werde die Leitung der Staatsoper ab 1. September 2010 übernehmen, verkündete Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Seine Bekanntmachung im Rathaus verzögerte sich am Montag ein wenig, weil Barenboim eigens aus New York zum Termin angereist kam – und sich verspätete. Die beiden Tiger des ersten Hauses der Stadt wollten gemeinsam ihr Revier für Berlin abstecken.

Den Spruch mit dem Tiger hat übrigens ein anderer möglicher Kandidat für den verwaisten Berliner Intendantensessel – Peter Mussbach hatte im Mai im Streit das Haus verlassen – in die Welt gesetzt. Es war Gerard Mortier, der kürzlich mit Blick auf die Opernstadt Berlin davon sprach, dass immer nur ein Tiger auf dem Berg sitzen kann. Der große belgische Opernmanager wollte damit sagen, er würde keinesfalls mit einer starken Persönlichkeit wie Barenboim zusammen arbeiten können.

Andere Kandidaten sollen ähnlich reagiert haben. Insofern ist es schon bemerkenswert, dass Barenboim und Flimm am Montag versuchten, langjährige Freundschaft und Gleichrangigkeit zu dokumentieren. Denn Tiger, so wissen wir Hobby-Zoologen, sind eigentlich Einzelgänger und Revierverteidiger mit scharfen Zähnen.

Kürzlich fiel Flimm über sein eigenes Festival her

Jetzt müssen die Beiden mindestens fünf Jahre miteinander aushalten, denn so lange läuft Flimms (noch nicht unterzeichneter) Intendantenvertrag. Warum er sich das noch einmal antue? fragte sich Flimm, Jahrgang 1941, vorsorglich selbst. In seiner Antwort verwies auf die Attraktivität eines Angebots in der Hauptstadt und darauf, dass er gerne an der starken Seite von Barenboim arbeiten möchte.

Genau genommen wird Flimm bereits ab 1. Januar des neuen Jahres als Berater gemeinsam mit dem derzeitigen kommissarischen Intendanten Ronald H. Adler die Zukunft des Hauses in die Hand nehmen. Flimm ist damit der Intendant einer schwierigen Übergangszeit und der zu erwartenden glanzvollen Wiedereröffnung des Hauses Unter den Linden. Denn bereits im Januar beginnen die Umbauarbeiten des Schillertheaters zur Ersatzspielstätte. 2010 zieht das Staatsopern-Ensemble um. Der Wiedereinzug Unter den Linden ist zur Spielzeit 2013/14 geplant.

Noch ist Flimm Intendant der Salzburger Festspiele. Dort hat er bis zuletzt Revierkämpfe unter anderem mit seinem Schauspielchef Thomas Oberender ausgetragen. Kürzlich fiel Flimm in einem Interview über sein eigenes Festival her – was viele irritiert hat. Offenbar hatte der Intendant da seinen Kopf schon in Berlin, seine Fäuste aber noch in Salzburg. Es sei etwa zwei Monate her, erzählt er, da wurde er aus Berlin angerufen. Am Telefon war Kulturstaatssekretär André Schmitz, der war mal Referendar in Flimms Ära am Hamburger Thalia-Theater. Flimm gehört zu jenen Großen, Alteingesessenen, die alle und jeden im Geschäft kennen.

Nach stundenlangen Gesprächen mit Barenboim jedenfalls sei im New Yorker Hotelzimmer dann die Entscheidung gefallen. Beide verbinde, fügt Barenboim hinzu, das Streben nach Qualität. Allzu viel konnten und wollten Flimm und Barenboim nicht preisgeben. Über die künftige ästhetische Ausrichtung der Staatsoper habe er, so Flimm, noch nicht entschieden. Zunächst müsse er auch mit allen Beteiligten sprechen. Dann werde er sehen, wie es weitergehe. Er kündigte zudem an, sich regelmäßig mit Vertretern der Deutschen Oper und Komischen Oper treffen zu wollen, auch, um Doppelungen in den Spielplänen zu verhindern. Es stelle sich die Frage, wie viele „Traviatas“ Berlin brauche? Wowereit wies Befürchtungen zurück, mit dem Umzug der Staatsoper ins Schillertheater drohe eine Fusion mit der unweit gelegenen Deutschen Oper. Barenboim sagte dazu, nach Gesprächen mit Donald Runnicles, dem neuen Generalmusikdirektor der Deutschen Oper, strebe er eine Zusammenarbeit an – „ohne jede Fusion“ und zum Vorteil des Publikums. Er nannte als Beispiel eine aufgeteilte Sommerbespielung der Häuser.

In Salzburg ist man sauer

Mit der Berliner Opernlandschaft ist Flimm bestens vertraut, nicht nur, weil er von 1999 bis 2003 als Präsident des Deutschen Bühnenvereins die Neuordnung begleitet hat. Er hält die viel kritisierte Opernstiftung für ein gutes Modell. „Ohne die Opernstiftung gäbe es keine drei Opern mehr in Berlin“, sagt er. Bislang hat er nicht vor, hier selbst Oper zu inszenieren.

Jetzt hat Flimm nur noch das Problem, sein altes Revier sauber zu verlassen. Er habe den Salzburger Festspielen in einem Brief mitgeteilt, dass er schon 2010 aus dem Vertrag entlassen werden wolle. „Das kann er sich abschminken!“, sagte Salzburgs Bürgermeister Heinz Schaden, der auch Mitglied im Festspielkuratorium ist: „Flimm hat einen gültigen Vertrag bis Ende des Festspielsommers 2011. Wenn er den nicht erfüllt, muss er sich rechtlich mit uns auseinandersetzen.“

Ein Konkurrenzunternehmen in Berlin zu leiten, so Schaden, halte er für ausgeschlossen. Es klingt nach harten Gesprächen in Salzburg, derweil muss in Berlin Flimms Vertrag noch vom Stiftungsrat der Opernstiftung abgesegnet werden.