Konzerthaus Berlin

Intendant Schneider schenkt sich zum Abschied ein Buch

Frank Schneider ist seit 1992 Intendant des Konzerthauses Berlin. Im kommenden Jahr geht er in den Ruhestand. Mit seiner Pensionierung endet auch eine Ära. Es verabschiedet sich die Ost-Berliner Intelligenzija vom Gendarmenmarkt.

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Der große Konzerthaus-Intendant Frank Schneider (Jahrgang 1942, seit 1992 im Amt) hat sich, wenn man so will, zu seinem bevorstehenden Abschied selbst ein Buch geschenkt. Es ist ein stolzes Geschichtsbuch der ganz eigenen Art.

Es bleibt anzunehmen, dass "Apollos Tempel in Berlin" bereits in zwei oder drei Jahren in dieser Gestalt nicht mehr gedruckt werden würde. Denn die Geschichte "Vom Nationaltheater zum Konzerthaus am Gendarmenmarkt", so der Untertitel, beschreibt - und begründet zwischen den Zeilen zugleich - auch das Ende einer Ära: Mit Schneiders Pensionierung im kommenden Jahr verabschiedet sich die Ost-Berliner Intelligenzija vom Gendarmenmarkt. Der Zerfall des Milieus innerhalb des Hauses und beim treuen Abonnement-Publikum des heutigen Konzerthausorchesters ist schon seit Jahren zu beobachten.

Wenn im nächsten Jahr das zwanzigjährige Jubiläum des Mauerfalls gefeiert wird, hat in der ostdeutschen Kulturszene der Generationswechsel bereits weitgehend stattgefunden. Auch andere Institutionen - vom kleinen Orphtheater, das zum Jahresende seinen kreativen Spielbetrieb einstellt, bis hin zur seit Jahren an Publikumsrückgang darbenden Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz des Alt-Intendanten Frank Castorf - stehen in dem Konflikt, dass sich der Adressat, sein Bildungshintergrund und seine Ansprüche verändert haben. Das ursprüngliche Träger-Milieu verschwindet in der Geschichte.

Eine Episode von knapp 25 Jahren

Dabei handelt es sich im Falle von Frank Schneiders Schauspielhaus genau genommen nur um eine Episode von knapp 25 Jahren. Länger gibt es die Institution Konzerthaus noch gar nicht. Nach der Kriegszerstörung wurde der Schinkelbau am Gendarmenmarkt nur notdürftig erhalten. Erst Ende der Siebzigerjahre begann der Wiederaufbau, allerdings nicht mehr als Theater, sondern als Konzerthaus. Es sollte das fünfte Prestige-Objekt nach Stalin-Allee, Fernsehturm, Palast der Republik und Nikolaiviertel sein. Erst am 1. Oktober 1984 wurde das "Sozialistische Musikzentrum" voller Harmonie eingeweiht, hinter den Kulissen sollten die kulturpolitischen Intrigen nie mehr enden.

Voller Enttäuschung musste etwa das Berliner-Sinfonie-Orchester hinnehmen, nur Gast und nicht der Herr im neuen Prachthaus zu sein. Es ist Frank Schneiders Verdienst, dass er gemeinsam mit seinem aus Stuttgart kommenden Chefdirigenten Lothar Zagrosek die Verknüpfung von Konzerthaus und Orchester zur neuen Marke Konzerthausorchester vollziehen konnte. Erst 2006 wurde durchgesetzt, was 1984 noch unmöglich war.

Das von Schneiders Mitstreitern Berger Bergmann und Gerhard Müller herausgegebene Buch (Prestel Verlag, 400 Seiten, 290 Abbildungen, 39,95 Euro) legt auch die doppelte Traditionslinie frei, die vom Königlichen Nationaltheater (1786 bis 1817) über das Königliche Schauspielhaus (1821 bis 1918) und Staatliche Schauspielhaus (1919 bis 1945) bis hin zum Konzerthaus am Gendarmenmarkt zu beobachten ist: Nach Außen wirkt die nationale Institution durch große Künstlernamen, ihre Schicksale und ihre wegweisende Projekte, im Inneren war und ist sie immer wieder dem höfischen bzw. staatlichen Reglement unterworfen worden. Die Autoren beschreiben Letzteres als "diplomatische" Aufgabe.

Im Buch finden sich chronologisch geordnet und wunderbare, knapp aufbereitete Beiträge über Schiller in Berlin, Ritter Gluck, Webers "Freischütz". Man erfährt etwas über die höfische Tradition der Lebenden Bilder - sowie über die Trennung von Sprechtheater und Musiktheater in Berlin gegen Mitte des 19. Jahrhunderts. Der erzkonservative Botho von Hülsen war seinerzeit Generalintendant. Sein Sohn Georg Graf Georg setzte als letzter kaiserlicher Intendant die Tradition des Schwelgerischen fort.

Viel Raum bekommt die womöglich schillerndste Figur des Schauspielhauses im vorigen Jahrhundert: Schauspieler Gustav Gründgens, der vor den Nazis geflüchtet, von Goebbels zurückgeholt, seine zwielichtige Mephisto-Rolle auslebt. Die Erinnerungen von Marcel Reich-Ranicki an ihn finden sich neben Klaus Manns Roman (1936).

Das Archiv ist im Krieg verloren gegangen

Immer wieder werden auch Verstrickungen von Hausgeschichte und Staatsinteressen offengelegt. Soweit es die Fakten zulassen, denn das Archiv des Schauspielhauses ist im Zweiten Weltkrieg untergegangen und auch verschollen. Die Verquickungen, Streitigkeiten und Einflussnahmen zu DDR-Zeiten und auch nach der Wiedervereinigung werden leider mit zu viel Diskretion behandelt. Oder es werden hausfremde Zeitzeugen vorgeschoben: Beispielsweise findet sich ein Interview im Buch, das ich mit Frank Schneider 2003 über eine mögliche Orchesterfusion geführt habe. Zweifellos offenbart es rückblickend auch die Hilflosigkeit der Berliner Kulturpolitik im Umgang mit dem Konzerthaus: Seit der Wiedervereinigung favorisierten Kultursenatoren abwechselnd die Abwicklung (1991), Fusionen (1996 und 2003) sowie das kontinuierliche Zurückfahren der öffentlichen Zuwendungen. Auch diese Episode des Darbens dürfte beendet sein.

Bereits 2009 wird mit dem Enddreißiger Sebastian Nordmann, bislang Intendant der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, ein ebenso traditionsbewusster wie charismatischer Manager die Nachfolge Frank Schneiders antreten. Der gebürtige Kieler steht für ein anderes Milieu und ist - nebenbei bemerkt - auch ein Ziehkind des noch im Charlottenburger Schloss geborenen Matthias von Hülsen, der seinerseits Mitbegründer der Festivals in Schleswig-Holsteins und später in Mecklenburg-Vorpommern ist. Von Nordmann wird eine Neupositionierung des Konzerthauses gegenüber der sich bürgerlich und global definierenden Philharmonie zu erwarten sein.

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