TV-Kritik

Knalltüte – Hugo Egon Balder und die Westernshow

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Ante Hildebrandt

Foto: obs / DPA

Lange hat sich Hugo Egon Balder dem Sparzwang bei Sat.1 entgegengestemmt. Inzwischen geht aber auch der letzte Mohikaner der TV-Unterhaltung am Limit, wie der Auftakt zur neuen Unterhaltungsoffensive zeigt. Der Titel war Programm: "Peng! Die Westernshow". Die Show selbst war kein Knaller.

"Peng!" So klingt es, wenn Sat.1 in die Offensive geht. Nein, die Mitarbeiter kommen noch nicht bewaffnet zu Arbeit, um ihren Schreibtisch zu verteidigen. So weit ist es noch nicht gekommen, auch, wenn der Pro Sieben Sat.1 Media AG das Wasser bis zum Hals steht. Böse Zungen behaupten, das Geld sei inzwischen so knapp, dass in den Büros nur noch einmal während der Woche Staub gesaugt werde.


Im Arbeitszimmer des Sat.1 Unterhaltungsbeauftragten scheint jedoch schon seit geraumer Zeit nicht mehr gelüftet worden zu sein. Überhaupt macht sein Ressort den Eindruck, als werde auch dort gespart, wo es richtig wehtut.


"Hugo Egon", wird der Unterhaltungschef jetzt gesagt haben, "mach, was Du willst. Irgendein Format, mit dem die Leute am Freitagabend das Loch zwischen den 20-Uhr-Nachrichten und 'Ladykracher' überbrücken können. Aber nicht schon wieder ein Promi-Besäufnis oder die x-te Panelshow. Lieber irgendetwas in Richtung Raab. Geld darf es jedoch nicht kosten. Du weißt ja, wir haben die letzten Kröten für die Anke Engelke verballert. Aber Dir fällt schon etwas ein."


Peng! Nein, Hugo Egon Balder hat sich nicht die Kugel gegeben. Er hat gegen die Decke geschossen. Ob aus Wut oder Verzweiflung, darüber kann man nur spekulieren. Da er die Waffe im Rahmen einer "Westernshow" zückte, besteht aber kein Grund zu akuter Besorgnis.


So klingt es eben, wenn Sat.1 seine Unterhaltungsoffensive startet – es gibt Pistolenschüsse. Eine chronisch glucksende Barbara Schöneberger – hihihi! – die beim Bull-Riding – platsch! – von einem aufblasbaren Plastikochsen plumpst. Geschirr – klirr! – das zu Bruch geht, während die Spieler versuchen, ein Tuch mit einem Ruck von einem gedeckten Tisch zu ziehen. Oder Statisten, die bei einer fingierten Saloon-Schlägerei die Treppe herunterfallen – bang! – während zwei gegnerische Teams versuchen, inmitten dieses Tohuwabohus Kartenhäuser zu stapeln.


Das war er also, der Auftakt zur neuen Sat.1-Unterhaltungsoffensive. Man nehme drei B-Prominente, die gerade nichts Besseres zu tun haben, als sich die Wartezeit bis zum nächsten Dschungelcamp damit zu vertreiben seilzuhüpfen oder in einem albernen Pferdekostüm in ein Studio zu galoppieren. Sat.1 hat sein Studio mit halbnackten Häuptlingen und Cowboys ausstaffiert hat, um wenigstens einen Hauch von Wildwest zu versprühen.

500 Euro Cash auf die Kralle für arme Schweine

Für die gegnerische Mannschaft picke man sich drei Zuschauer aus dem Publikum und zahle ihnen am Ende 500 Euro Cash auf die Kralle. Mehr gibt der Etat leider nicht her, wie der drittklassige Imitator des FDP-Häuptlings Guido Westerwelle vermuten ließ. Völlig unvermittelt und offenbar mangels noch preisgünstigerer Alleinunterhalter platzte der nämlich zwischen Lasso- und Messerwerfern und der Countryband "The Boss Hoss" als Show-Act auf die Bühne.


"Eventshow" nennt der Sender diesen formatgewordenen Akt der Verzweiflung, realisiert von einem "alten, lahmen Häuptling" (Hugo Egon Balder über Hugo Egon Balder), der sich, wenn er noch einen Rest von Selbstachtung besitzt, schleunigst auf den nächsten Gaul schwingen sollte, um aufrecht der untergehenden Sonne entgegen zu reiten.


Es gab mal eine Zeit, da wurde er, der als Co-Produzent von "RTL Samstagnacht" als Reanimator der deutschen Comedy in die TV-Geschichte einging, für seine Improvisationskunst gelobt. Einer wie er schaffte es immer irgendwie, aus nichts irgendetwas zu machen. Gelegentlich gelang ihm dabei sogar ein Blindtreffer, wie der anhaltende Erfolg der schrägen Quiz-Show "Genial daneben" zeigt.


Doch jetzt, da sein Arbeitgeber seine Gewinnerwartung schon zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit nach unten korrigieren musste, geht auch er am Limit. Ob das Glas halb voll oder halb leer ist, darüber braucht man nicht mehr zu diskutieren. Gestern Abend ging es in der Disziplin Gläserschieben zu Bruch, klirr!


Es war, als ob man Ertrinkenden dabei zusieht, wie sie eine letzte Party auf ihrem untergehenden Schiff feiern. Und ironischerweise gaben die sich erst gar keine Mühe, ihr Unbehagen zu verbergen. "Können wir ein cooles Spiel machen", fragte Oliver Petszokat, nachdem er sein T-Shirt zum ersten Mal durchgeschwitzt hat, "oder müssen wir raten, wann der Sohn von Wyatt Earp das erste Mal auf Toilette war?"


Eine gute Frage. Dabei war "Peng! Die Westernshow" erst der Auftakt zu einer Reihe "themenbezogener Eventshows" (Sat.1), mit der der Sender seine Zuschauer an den nächsten Freitagabenden beglücken will. Nach "Holldriöh! Die Alpenshow!" (14. November) geht es eine Woche später dorthin, wo der Horror mit den Knochen klappert. "Schlotter! Die Gruselshow".


Oder lief diese Folge etwa schon gestern?