Peter Berling

Die Kreuzfahrer haben die Erotik mitgebracht

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Holger Kreitling

Buchautor Peter Berling über seine Begeisterung fürs Mittelalter

Peter Berling, 71, war Schauspieler und Filmproduzent für Alexander Kluge und Rainer Werner Faßbinder. Seit mehr als 15 Jahren schreibt er Bücher über die Zeit der Kreuzzüge. Gerade ist der fünfte und letzte Band aus der Reihe über "Die Kinder des Grals" erschienen, "Der Kelim der Prinzessin" (Lübbe Verlag). Das Gespräch führte Holger Kreitling.

Die WELT: Was bedeutet Ihnen die Zeit der Kreuzzüge?

Peter Berling: Die spannendsten Geschichten, die ich - komprimiert auf 200 Jahre - kenne. Je länger ich mich damit beschäftige, desto intensiver erlebe ich die Zeit. Ich liebe tolle Geschichten.

Die WELT: Spielt es eine Rolle, daß alles ins Große geht?

Berling: Nein, stimmt ja auch nicht. Die Kreuzzüge sind menschlich überschaubar. Die einzige gewaltige Sache geschieht, wenn nachher die Mongolen kommen. Sonst waren es handgemachte, kleine Armeen, die loszogen. 20 000 aus der Normandie, 15 000 aus Toulouse, alle untergliedert, ein paar aus Sizilien und Gottfried von Bouillon mit ein paar Deutschen. Es waren Leute, die es nötig hatten. Gottfried von Bouillon hatte nur einen Titel, seine Tante ging ihm schwer auf den Wecker, er hatte in Europa nichts mehr zu erwarten. Er konnte nur gewinnen.

Die WELT: Seit mehr als 20 Jahren sind wir fasziniert vom Mittelalter. Was fasziniert uns daran?

Berling: Man kann jedes Jahrzehnt in diesem Geschichtsabschnitt nehmen, und es geschieht etwas Tolles. Etwas Aufregendes, Unvorhergesehenes, nicht zu Erwartendes, Verrücktes. Da werden völlig beknallte Orden gegründet wie der Franziskanerorden. Die Entwicklungsgeschichte der Franziskaner ist allein schon ein ganzer Film. Heute ist er der liebe Heilige Franz. Das Leben wurde ihm aber von der katholischen Kirche zur Hölle gemacht. Und er ging den Leuten furchtbar auf den Keks.

Die WELT: Spielten denn die Mythen - Friedrich II., Löwenherz, der Gral - damals schon eine Rolle?

Berling: Nein. Die Mythologie haben wir draufgesetzt, zum Teil war es die deutsche Romantik.

Die WELT: Aber wir sehen das Mittelalter nicht ohne die Mythen.

Berling: Sollten wir aber. Wenn man die Mythen wegnimmt wie eine Bananenschale, bleibt immer noch eine tolle Frucht übrig. Mein Schlüsselerlebnis war, als ich zum ersten Mal das Buch "Kreuzzug gegen den Gral" von Otto Rahn in den Händen hatte. Da wird die Parzival-Figur entblättert als Vizegraf von Carcassonne. Ich fand dessen Geschichte viel aufregender als alles, was Wagner daraus gemacht hat.

Die WELT: Warum halten sich die Geschichten über 700, 800 Jahre?

Berling: Weil es so schön ist. Wir haben es immer als christliche Heldentat gesehen, nicht aus anderer Sicht: als Invasionskrieg.

Die WELT: Eine Rolle in Ihren Büchern wie in Dan Browns "Sakrileg" spielt die Prieur de Sion ...

Berling: ... eine bis heute nicht geklärte Hintergrundpartei. Einer Theorie zufolge sind die Templer deren militärisch sichtbarer Arm. Die Prieur setzen sich durch die Jahrhunderte fort, bleiben dabei immer im Untergrund.

Die WELT: Ist das nur eine Idee?

Berling: Ja, wissen Sie es?

Die WELT: Ich? Keine Ahnung.

Berling: Eben, ich auch nicht. Das ist bei allen esoterischen Geschichten so: Man kann nur vermuten, wenn wir es wüßten, wäre das Geheimnis weg.

Die WELT: Wäre das gut oder schlecht?

Berling: Schlecht. Keine Geheimnisse mehr auf der Welt? Furchtbar. Und schade.

Die WELT: Die gleichen Legenden - der Gral, die Kinder Jesus, Verschwörer - werden durch die Jahrhunderte getragen.

Berling: Ich finde es symptomatisch für unsere Zeit. Je inhaltsloser unser Wesen wird, um so mehr sind Idee und Erklärungen gefragt. Computer liefern keinen Inhalt, nur Umgang mit der Form. Man sucht das Alte, die Grundideen, und variiert dies.

Die WELT: Ist denn das Ende der Kreuzzüge mit dem Fall von Akkon 1291 eine positive Entwicklung?

Berling: Alle Geschichten zeigen uns, daß Reiche entstehen und wieder vergehen. Ein Ur-Gesetz. Es waren Kunst-Staaten, die in völliger Diskrepanz zu ihrer Umgebung existierten, kulturell und zivilisatorisch völlig unterlegen. Medizin, Mathematik, Physik, alles hatten die Araber zehnmal besser.

Die WELT: Was ist Ihnen das liebste Gut, das die Kreuzfahrer mitgebracht haben?

Berling: Die Erotik. Das ist flapsig gesagt, das wichtigste war die Medizin. Aber die Kreuzfahrer haben gelernt, daß es etwas anderes gibt als reines Fortpflanzungsleben. Und nicht umsonst entstanden dann der Minnesang und die Troubadour-Geschichten.

Die WELT: Welche Figur bewundern Sie am meisten?

Berling: Welche ich am wenigsten verachte? Ludwig der Heilige ist ganz faszinierend, aber mir persönlich viel zu fromm und bigott. Ich kann damit nichts anfangen, obgleich er ein ganz guter König war. Er erinnert mich immer wahnsinnig an Werner Herzog. In seinen Zügen, wo das Religiöse ins Radikale umkippt, in seinem ungeheuren Glauben an die eigene Vision. Ich würde Herzog so besetzen.

Die WELT: Wer wäre Löwenherz?

Berling: Den kann man ganz dumm besetzen, mit Rutger Hauer oder so. Ein miserabler König, ziemlich dummdreister Kavalleriegeneral, als solcher aber sehr erfolgreich. Ein Stratege, der nichts bewirkt hat.

Die WELT: Wer ist die spannendste Figur?

Berling: Eleonore von Aquitanien. Diese Frau repräsentiert ein Leben, das man sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen kann. Als 15Jährige heiratet sie den französischen König, gebiert nur Töchter. Zieht mit ihrem Mann auf Kreuzzug, brennt in Antioch mit ihrem Onkel durch. Will sich in Rom vom Papst scheiden lassen, wird aber vom Mann eingeholt, kriegt noch eine Tochter. Nach Wirren heiratet sie Heinrich II., wird Königin von England und kriegt plötzlich nur noch Söhne. Der dritte ist Richard Löwenherz, der vierte Johann Ohneland. Sie wird 15 Jahre hinter Klostermauern versteckt und kommt erst wieder raus, als Richard König wird. Ihr Verhältnis zu Löwenherz ist innig; Richard war schwul, wie man jetzt weiß. Aber Eleonore von Aquitanien zwingt ihn zu heiraten. Unglaublich aufregende Geschichten.

Das Gespräch in Rom fand auf Einladung des Lübbe-Verlages statt.