Oper

"La Traviata" braucht einen Zuhälter

Das gab's noch nie: Verdi – mit Eierstich. Darauf muss man erst einmal kommen. Hans Neuenfels gelingt es mit "La Traviata" an der Komischen Oper. Doch die Sänger wirken verlegen, singen ihre Partien aber schön herunter. Doch insgesamt bleibt der Besucher enttäuscht zurück.

Verdi war nicht nur ein unübertroffener Opernkomponist. Er war durch und durch Theatermann. Er saß Tag für Tag bei den Proben zu seinen Werken am Rand der Bühne, um sofort eingreifen zu können, wenn etwas inszenatorisch missriet. Gegen Ende seines Lebens ließ er all seinen Aufführungsverträgen einen Passus einfügen, der es ihm ermöglichte, ohne Angaben von Gründen die Aufführung zu verbieten. Das hätte möglicherweise jetzt auch der Komischen Oper passieren können. Es ist durchaus denkbar, dass es Verdi bei der Aufführung der „Traviata“, eines Werkes diesmal nachweislich von Hans Neuenfels, getan hätte.

Mit künstlichem Imponier-Geschlecht

Sie krebst sich, wie vernagelt, selbstsüchtig und eigenwillig über die Runden. Sie gibt sich hintergründig, besserwisserisch und stolz. Zu den drei Hauptpersonen ist eine vierte gekommen: die eines Zuhälters, vom hübschen Herrn Christian Natter gespielt, der im letzten Bild, eine Stiermaske in der Hand, mit demonstrativ heraushängendem, natürlich künstlichem Imponier-Geschlecht auftaucht und sich mit spitzer Nadel genussvoll zweimal in die Hoden piekt. Das gab's noch nie: Verdi – mit Eierstich. Darauf muss man erst einmal kommen. Neuenfels gelang es – und noch vieles mehr.

Die durchaus anrührende, schlichte Lebens-, Liebens- und Sterbensgeschichte der Violetta Valéry, die sich in einen gesellschaftlich festen, genau gezeichneten Rahmen bettet und darin aussingt, wird Neuenfels unter der nimmermüd inszenierenden Hand zu einer Psycho-Klamotte, in die selbst Papa Germont, bis dahin ein unübersehbar großes Kreuz um den Singhals, am Ende sturzbetrunken hereinwankt, niederbricht und sich am Boden wälzt, als wolle er Violetta wenigstens im Sterben zuvorkommen. Immerhin hat Christof Hetzer, der Bühnenbildner, auf seiner kahlen, schwarz ausgeschlagenen Bühne ihr wenigstens ein Ruhelager und Sterbebett zugeschanzt.

Sonst fahren, an schweren Stahlträgern hängend, einzig riesige Sichtwände über die Bühne, hinter denen sich vielleicht vieles oder auch nichts vollzieht oder verbirgt. Es kommt darauf auch gar nicht an. Hauptsache es bleibt alles tieftraurig, ausweglos und ins Sterben verliebt. Dagegen feiert man auf den grässlichen Festivitäten bei der Freundin (und offenbar gleichfalls tüchtig herumhurenden Arbeitskollegin) Flora kräftig an. Auf einer von ihnen schneidet man sogar dem Herrn Zuhälter bei lebendem Leibe ekelerregend das Herz aus der Brust und hält es demonstrativ in die Luft. Erstaunlicherweise lebt der Junge dennoch quietschvergnügt weiter.

Carl St. Clair am Pult, der neue Generalmusikdirektor des Hauses, hält die Musik von aller inszenatorischen Dreinsprache fern. Er kostet sie, so gut er kann, aus, hegt sie und pflegt sie, bemüht sich um angenehmes Klingen, freilich ohne ihr etwas Temperament beizusteuern. Was Neuenfels zu viel tut, macht er zu wenig. Er hält sich aus dem Sog der Musik heraus.

St. Clair sorgt sich zuerst um die Sänger

Sie klingt unter seiner pfleglichen Hand gelegentlich sogar konzertant. Er sorgt sich zuallererst um die Sänger. Das ist sein Verdienst. Sie haben den Nutzen davon. Sie sind ausgezeichnet und wachsen von Akt zu Akt stärker, nicht in ihre kaum vorhandenen Rollen, wohl aber in deren musikalische Anforderungen hinein.

Sinéad Mulhern singt die herausfordernde Titelpartie mit schönem Aplomb. Anfangs vibriert ihre Stimme noch allzu reichlich, doch später gelangt sie zu festen, dennoch immer wohlklingenden Formen. Wie ihre Kollegen auch, singt sie notgedrungen gegen die Inszenierung an. Auch Timothy Richards als Alfred, der unglückliche Liebhaber, singt sich von Akt zu Akt stärker nach vorn. Man hat ihm nach seiner Arie im 2. Akt sogar die knifflige Cabaletta belassen. Wirklich zur Hochform aber singt er sich erst in den Schlussbildern hinauf: ein Tenor von sympathischer Darstellungslust und vokaler Geschmeidigkeit.

Auf Anhieb vermag Aris Argiris als anfänglich im wahrsten Sinne kreuzbraver Vater Germont stimmlich zu imponieren. Seinen Bariton zeichnet eine große Natürlichkeit des Singens aus. Die wenigstens hätte Verdi wahrscheinlich gefallen.

Komische Oper, Behrenstr. 55-57, Mitte. Tel:47997400. Termine: 26., 29. November; 5., 16., 20., 29.Dezember.