Kultur

Horst Köhler will mehr Kunst draußen – och nö!

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Holger Kreitling

Foto: pa/dpa

Der Bundespräsident wünscht sich moderen Werke auf öffentlichen Plätzen. Aber dort stehen doch schon genug hässliche Skulpturen aus den siebziger Jahren herum. Oder es prangen Graffiti an den Wänden. Und Pflastermaler sind am Werk. So viel Straßenkunst ist genug.

Der Künstler Daniel Richter hat neulich ein Experiment veranstaltet. Er setzte sich für ein Wochenende in Paris vor das Centre Pompidou und porträtierte Menschen. Nicht für sich (Kunst) oder seinen Galeristen (Kunst!), sondern unter Broterwerbsbedingungen, fünf Euro das Stück. Die Porträtierten durften mit Bleistift-Zeichnungen nach Hause gehen, ohne zu wissen, was sie in den Händen hielten.

Nun kosten Gemälde von Daniel Richter mehrere hunderttausend Euro, sie hängen in Museen und Galerien, und selten wird der Hinweis vergessen, der Künstler sei ja früher Straßenkämpfer gewesen. Die Wochenend-Einnahmen waren bescheiden. Mit dieser Form von Straßenkunst ist es nicht weit her, auch wenn sie auf den Fluren der Kunstkritik jetzt bald von „Camouflage Art“ oder „Fake Richter“ oder den schon legendären „Paris Pencils“ raunen mögen.

Scheußliche Skulpturen in häßliche Einkaufszonen

Womöglich hat auch Bundespräsident Horst Köhler von Richters Tat gehört, jedenfalls hat er am Mittwoch in Münster erklärt, er wünsche sich mehr moderne Kunst auf öffentlichen Plätzen. Das Staatsoberhaupt war in Münster beim Skulpturenpark, ist ein wenig mit dem Fahrrad hin- und hergefahren und hat auf den Betonkugeln der Französin Dominique Gonzalez-Foerster gesessen.

Köhler begründet seine Idee mit der delikaten These, viele Menschen hätten Hemmungen, ins Museum zu gehen, wo die Kunst beheimatet ist. Kulturelle Vorschläge des Bundespräsidenten sind mit Vorsicht zu genießen. Ein bisschen Wirbel hat seine Kritik des Regie-Theaters und die Forderung nach Texttreue verursacht. Auf den Vorschlag, in Berlin ein „Best of“-Museum einzurichten, ist kaum jemand eingegangen.

Jetzt also Kunst auf öffentlichen Plätzen. Das weckt zuerst die quälende Erinnerung an die Kunst im öffentlichen Raum, an scheußliche Überbleibsel auf breiten Straßen und in Einkaufszonen, die durch mahnende Stahlgerüste und selbstverständlich kapitalismuskritische Skulpturen noch an Trostlosigkeit gewannen. Die moderne Kunst hatte in Deutschland mehr Chancen, sich auf Plätzen auszustellen, als vielen Stadtbewohnern heute lieb ist.

Subventionen für Pflastermaler

Vielleicht aber hat der Bundespräsident eine ganz andere Kunst gemeint. Es gibt ja moderne Kunst in der Öffentlichkeit, die sogar für Massen hergestellt wird. Da sind zunächst Wandmalereien auf Hausfassaden, oft Trompe l'Œuils, die eine falsche Perspektive vorgaukeln.

Sicher zu groß für Museen, und die Hausbesitzer fänden das auch nicht schön, wenn Kunstkommissionen jetzt die Fassaden abschlügen, um sie anderswo auszustellen. Hier böten sich neue Kunst-Wettbewerbe an. Vielleicht sollte Daniel Richter auch dort einmal tätig werden?

Was Subventionen angeht, könnten auch die Pflastermaler etwas zugesteckt bekommen. Wenn die zahlreichen Mona Lisas auf deutschen Plätzen besser kopiert würden, hätten die Menschen sicher etwas davon, sogar Bildungserlebnisse. Man könnte auch die Kreide-Forschung unterstützen, um bessere Malutensilien für die Straßenkunst zu ermöglichen. Botticellis Venus ohne orangeflammendes Haar – eine ganz schöne Vorstellung.

Graffiti muss aus den Szenebezirken befreit werden

Heikel ist das Thema Graffiti. Wie steht Horst Köhler dazu? Immer mehr Künstler sprühen ihre Werke des Nachts auf deutsche Plätze, manche kommen dafür ins Museum, andere in Polizeigewahrsam. Die meisten Menschen finden Graffiti hässlich wie Siebzigerjahre-Skulpturen und haben Hemmungen gegenüber Sprühereien, die gilt es abzubauen.

Allerdings kann hier der Staat nicht eingreifen – außer mit Videoüberwachungen, die dann bei verschiedenen Biennalen eingereicht werden. Aufklärung müsste von den Street-Art-Künstlern selbst kommen. Außerdem muss die gut beleumundete Urban Art aus dem Ghetto der Szenebezirke befreit werden.

In Münster hat Horst Köhler es abgelehnt, sich zu politisch motivierten Plastiken zu äußern, weil er die Kunst nicht durch seine Person instrumentalisieren mochte. Er hat erkannt: Ernst ist das Leben, heikler die Kunst.