Quatsch Comedy Club

Warum Fußballer-Witze für Ingo Appelt tabu sind

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Ulrike Borowczyk

Foto: picture-alliance/ dpa / dpa

Spätestens seit der Fußball-EM finden Frauen Ballack, Poldi und Co. total süß, da verstehen sie keinen Spaß. Das hat zumindest Comedian Ingo Appelt herausgefunden. Er hat die Konsequenzen gezogen und sein Programm der weiblichen Zielgruppe angepasst. Jetzt feiert er mit "Männer muss man schlagen" Premiere im Quatsch Comedy Club Berlin.

"Seit der Fußball-Europameisterschaft sind Frauen die Hauptzielgruppe und die Nationalelf ein Haufen Schwiegersöhne", sagt Ingo Appelt und stöhnt frustriert. Plötzlich darf er keine Witze mehr über Ballack, Podolski und Co. reißen, weil Frauen die Kicker süß finden. "Ohnehin", brummt der Comedian, "ist Deutschland mittlerweile ein echtes Frauenparadies, ein einziges Einkaufszentrum mit Rauchverboten und Geschwindigkeitsbegrenzung." Gerade noch ließ sich der 41-Jährige auf der Bühne als "Retter der Nation" feiern. Doch dann merkte er, dass es gar keinen Sinn macht, wenn man danach, zuhause angekommen, erst mal den Müll rausbringen muss.

Ingo Appelt hat die Konsequenzen daraus gezogen und propagiert nun in seinem neuen Programm, das heute im Quatsch Comedy Club Berlin-Premiere feiert: "Männer muss man schlagen". Ein geschickter Marketingschachzug oder doch eine kabarettistische Spontanidee? "Mit Marketing kenne ich mich nicht aus. Es war eher die pure Verzweiflung. Ich sollte ein Buch über Kindererziehung schreiben und kam nicht auf den Punkt", gibt der dreifache Vater zu. Ihm ging eher ein Leitfaden für Männer durch den Kopf. So etwas wie "Retter der Männlichkeit".

Seine Geschlechtsgenossen tun ihm nämlich leid. "Männerverachtung ist lustig. Witze wie ,Was ist ein gelöstes Problem? Ein Mann in Salzsäure!' stehen tatsächlich in der 'Emma'. Da tobt der Saal." Er selbst hat sich jahrelang standhaft gegen jede destruktive Veralberung gewehrt: "Ich wollte meine Ehre bewahren. Doch dann dachte ich, es ist besser, an der Demontage teilzunehmen. Danach bauen einen die Frauen wieder auf." Hofft er zumindest.

Fast wäre er Politiker geworden

Seine eigene Frau rührt er mit dem schonungslosen Bekenntnis, Männer seien Nichtsnutze und ein testosterongesteuertes Sicherheitsrisiko, jedoch nicht zu Tränen. Frau Appelt lacht sich darüber kaputt, schlägt ihren Gatten aber immerhin nicht. Vorbei die Zeiten, in denen Pubertierende den Comedian mit 16 Meter hohen Schildern begrüßten: Wenn er heute das F-Wort benutzt, dann mit soviel Ironie, dass Teenager eh mit den Subtexten ihre Probleme haben dürften. Dafür wird der Kölner mittlerweile nach den Auftritten von 60-jährigen Damen umringt, die von seinen blauen Augen schwärmen. "Ich komme mir dabei manchmal vor wie ein Schlagersänger", sagt er.

Frauenfreundlich und männerfeindlich. Ist der einstige Brachialkomiker plötzlich netter geworden? "Grundsätzlich schon. Ich glaube, ich bin näher bei mir. Ich hatte lange Angst davor, damit aufzuhören meine verbale Gewaltspirale ständig zu unterbieten. Die Männer hätten sonst gesagt, jetzt ist er harmlos", sagt er. Doch wenn er will, detonieren seine Pointen immer noch mit der Kraft eines Urknalls. Er ist erfrischend böse geblieben. Nichts für empfindsame Anhänger der Political Correctness oder moralinsaure Zeitgenossen. Selbst ein abgegrastes Thema wie der ewige Geschlechterkampf zwischen Mann und Frau beackert er mit einer Klasse, die Kritiker fragen lässt, welche Ablösesummer verlangt wird, damit Ingo Appelt ins kabarettistische Lager wechselt.

Trotzdem scheiden sich am einstigen Terminator der Branche heute noch die Geister. Aber er will auch polarisieren wie ein Politiker. Schließlich wäre der gelernte Maschinenschlosser nach seinem früheren gewerkschaftlichen Engagement fast selber einer geworden. "Viele halten es heute gar nicht mehr aus, auch mal nicht gemocht zu werden. Dieser Gefälligkeitswahn geht mir auf die Nerven", sagt er. Dass er Durchhaltevermögen besitzt und sich auch in brenzligen Situationen treu bleibt, hat er bei seinem medialen Absturz Ende 2000 bewiesen. Der Tiefpunkt seiner Karriere. Doch längst schon ist er in die erste Reihe der Comedians zurückgekehrt. Und auch wenn Appelt derzeit auf der feministischen Seite steht, seinen Biss hat er deswegen noch lange nicht verloren.

Die Premiere Quatsch Comedy Club, Friedrichstr. 107, Mitte. Tel. 01805/25 55 65. Vorstellungen: 17.-19.11., 20 Uhr.

Das Buch Ingo Appelt, "Männer muss man schlagen", Fischer Verlag, 190 S., 9,95 Euro.