"La Bohème"

Wie eiskalt ist diese Mimi!

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Friedrich Pohl

Foto: Unitel/MR Film / Petro Domenigg

Sie war nie wirklich glücklich, die Beziehung zwischen Oper und Kino. An einen Opernfilm, der Massen anzog, kann sich kaum jemand erinnern. Auch deshalb hat "La Bohème"-Produzent Jan Mojto mit einem Etat von rund fünf Millionen Euro und auf die Star Anna Netrebko und Rolando Villazón.

Das "Traumpaar" Anna Netrebko und Rolando Villazón ist derzeit unbestritten das Populärste, was der Klassik-Markt hergibt. Hinzu kommt Regisseur Robert Dornhelm, der Großproduktionen problemlos stemmt und der bei seiner äußerst gelungenen Dokumentation "Karajan - Oder die Schönheit, wie ich sie sehe" zeigte, dass er auch mit klassischer Musik umzugehen versteht.

Obendrein gehört "La Bohème" zu den unverwüstlichen Werken der Musikgeschichte. Die traurige Liebesgeschichte von der darbenden Mimi und dem brotlosen Künstler Rodolfo im Paris des 19. Jahrhunderts scheint ohnehin von zeitloser Magie zu sein. Zudem wäre Komponist Giacomo Puccini im Dezember 150 Jahre alt geworden.

Gegen diese Ansammlung von Erfolgsindikatoren kann man nichts sagen. Aber bei deren Anblick ist Dornhelm offensichtlich der Mut abhanden gekommen. Seine betuliche "Bohème" orientiert sich gnadenlos an der biederen und kostümverliebten Ästhetik von Kollegen wie Otto Schenk oder Franco Zeffirelli, die eine Zeit prägten, als "Regietheater" noch nicht erfunden war.

Dornhelm hat "La Bohème" so konservativ gedreht, dass es eigentlich schon wieder reizend sein müsste. Ist es aber nicht. Eher rückwärtsgewandt. Mit "originalgetreuen" Kulissen, mit künstlichem Schnee, mit weichem Pinsel. So überzeugend Netrebko und Villazón stimmlich auch agieren, für die große Kinoleinwand sind ihre Gesten zu übertrieben, zu opernhaft. So wirkt diese "Bohème" über weite Strecken viel zu routiniert, um wirklich berühren zu können. Nur gegen Ende wagt es Dornhelm, das Protokoll zu verlassen: Wenn Rodolfo die todkranke Mimi in seinen Armen hält, bewegen Netrebko und Villazón die Lippen nicht mehr, obwohl ihre Stimmen immer noch zu hören sind. Ein einfacher Kniff. Wunderbar entrückt scheinen sie da, und auf einmal wird die ganze Kraft von Puccinis Musik spürbar.

Dornhelm sagte in Interviews, er habe für "La Bohème" viele Ideen gehabt, sie aber für eine möglichst authentische Wiedergabe des Werkes verworfen: Das hätte er nicht tun sollen.

Bewertung: ++---