Europameisterschaft

Fußball in Österreich ist wie Ski in Namibia

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Ulrich Weinzierl

Foto: AFP

Österreich ist im Fußball-Ausnahmezustand. Täglich vermehren sich auf den Straßen die rot-weißen Fähnchen. Doch nicht nur das gemeine Volk beschäftigt sich mit dem anstehenden Event. Auch Literaten, Museen und Theater widmen der Europameisterschaft ihre Aufmerksamkeit – und zeigen auch gerne ihre Abneigung.

Spötter müssen derzeit ihre Zunge zähmen. Kaum hatte der Kabarettist Alfred Dorfer gescherzt: „Fußball-EURO in Österreich, das klingt so ähnlich wie Skifliegen in Namibia“, wurde er auch schon wegen unpatriotischen Verhaltens vom Wiener Boulevard gemaßregelt. Es herrscht Ausnahmezustand im Land. Leicht zu erkennen an der täglichen Vermehrung rotweißroter Fähnchen – darunter viele mit dem Bundesadler – an den Autos.

Die Idee dazu ist übrigens nicht spontan dem vaterländischen Überschwang der Österreicher entsprungen, sondern wurde von der „Neuen Kronen Zeitung“ propagiert, die auch gleich den Verkehrsminister in die Knie zwang. Denn der wollte nach geltendem Recht die unbefugte Verwendung staatlicher Hoheitszeichen an Kraftfahrzeugen ahnden. Mit dem leicht entflammbaren Volkszorn ist nun mal nicht zu spaßen. Wie weise, dass die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek nicht mehr in der Öffentlichkeit auftritt, hat sie doch mit ihrer schriftlichen Stellungnahme zu den absehbaren Folgen der Europameisterschaft das Maß eben noch tolerierbarer Reserviertheit gegenüber dem internationalen Sportereignis weit überschritten: „Wer das Burgtheater, das Lueger-Denkmal, die Parks und überhaupt die ganze Ringstraße zubrunzen [wienerisch für: zupissen] will, soll das tun. Wer es nicht tun will, soll es nicht tun."


Solch gröblichste Verunglimpfung von Sitten und Gebräuchen mancher Fußballenthusiasten kann in der Tat nur aus dem krausen Hirn einer dekadenten Literatin stammen. Schließlich hat die Stadt Wien alles Erdenkliche zum Wohl und für die Hygiene der Fans in der ihnen gewidmeten Zone getan, zum Beispiel Hundertschaften mobiler Toiletten aufstellen lassen. Leider erinnert das ganze Feier-Areal, das sich vom Rathausplatz über den Ring bis zum Heldenplatz erstreckt, an einen Riesenfreiluftkäfig, bestenfalls an einen Mammutmenschenzoo. Alles ist gemütlich mit Gittern abgesperrt, damit die exakt 74.420 Gäste – mehr dürfen nicht rein – schön unter sich bleiben: der Albtraum eines jeden Klaustrophoben.

Das Burgtheater, das direkt an den harten Kern der Zone grenzt, ist seit diesem Mittwoch bis September geschossen. Normalerweise beginnt die Sommerpause erst vier Wochen später, aber alle Proteste Direktor Bachlers waren ungehört verhallt. Um Schaden abzuwenden, wurden wenigstens die historistischen Kandelaber davor verschalt. Auch Denkmäler, so jenes des Feldherrn Erzherzog Karl auf dem Heldenplatz, sind zum Schutz vor Vandalismus bereits eingerüstet, und das der Kaiserin Maria Theresia vor dem Kunsthistorischen Museum hat man vorsichtshalber mit dem weltgrößten Kaffeehaus ummantelt. Besorgt schaut die Statue des Anubis – Blickfang der Tutanchamun-Ausstellung vor dem Völkerkundemuseum – auf das Treiben zu ihren Füßen. Kein Wunder: Ägyptens Totengott wurde in ein Leibchen von Österreichs National-Elf gezwängt.

Selbst Fußballverächter werden neugierig

Ob es wirklich ein genialer Einfall war, den Fan-Bezirk auf Wiens Prachtstraße anzusiedeln, muss die Praxis der erhofften Massen-Party weisen. Wie achtlos, ja geringschätzig freilich mit den berühmtesten Kunstinstitutionen Österreichs umgegangen wird, spricht Bände – von Lippenbekenntnissen und Sonntagsphrasendrescherei der zuständigen Politiker. Dafür wurden vier Millionen Euro für zahllose, über das gesamte Staatsgebiet verstreute so genannte Kulturevents aufgewendet.

Eine einschlägige Großausstellung im Wiener Künstlerhaus, „herz:rasen“, haben seit 4. April rund 12.000 Besucher besichtigt, kein geradezu überwältigender Zulauf. Veranstaltet vom Technischen Museum, zeigt die Schau auf zwei Geschossen eine enorme Menge von hübsch und äußerst aufwendig aufbereitetem Bild- und Tonmaterial. Naturgemäß können wir auch hier den legendären Lustschrei Edi Fingers hören („Tor! Tor! Tor! I wer narrisch!), mit dem der Sportreporter den Siegestreffer von Österreich gegen Deutschland bei der Weltmeisterschaft im argentinischen Córdoba 1978 kommentierte. Amüsant ist die Schau jedoch nur dann, wenn die dargebotenen Devotionalien das Absurde streifen wie bei den in Plexiglas verpackten Stückchen „Heiligen Rasens“, etwa aus dem Berliner Olympiastadion. Und die Nachbildung des Maradona-Altars einer neapolitanischen Bar samt einem von Diegos wundertätigen Haaren entzückt sogar Ungläubige.

Erheblich anregender erzählt die bescheidenere, in den technologischen Präsentationsmitteln beinah antiquiert wirkende Ausstellung „Wo die Wuchtel fliegt“ des gleichfalls am Karlsplatz gelegenen „Wien-Museums“ von der Faszinationskraft des Fußballspiels. Sie verharrt am konkreten Ort, geht in die Tiefe der Zeit, stellt Fragen und erhellt den politischen und kulturgeschichtlichen Zusammenhang. Was wurde eigentlich aus den einst gerühmten jüdischen Clubfunktionären nach dem „Anschluss“ 1938? Wie funktionierte das oft beschworene österreichische „Wunderteam“ der Zwischenkriegszeit? Statt in den Tunnelblick der Hingerissenen zu verfallen, möchte man uns die Augen öffnen: Da werden selbst die ärgsten Fußballverächter neugierig.