Maler-Star

Anselm Kiefer macht den Hitlergruß zu Kunst

1969 beginnt der deutsche Kunst-Star Anselm Kiefer sein Werk mit dem Hitlergruß. Er fotografiert sich in Skandal-Pose. Später malt er die Szene in Öl. Die Bilder sind nun in Berlin zu sehen. Morgenpost Online hat den Maler in Frankreich getroffen und über seine Aktion gesprochen: "Es war aufregend, aber auch beklemmend".

Foto: Sammlung Bastian

Anselm Kiefer war 23 Jahre alt und Kunststudent. Um ihn herum wurden Lenin, Mao oder Ho Chi Minh verehrt. Die meisten seiner fortschrittlichen Zeitgenossen wollten im Mai 1968 die Welt aus den Angeln heben. Egal wie linksliberal oder linksextrem, wie anarchisch oder maoistisch-orthodox, die Studenten einte ihr Selbstverständnis als Antifaschisten.

Kiefer, der selbst auch ein wenig demonstrierte, konnte damit wenig anfangen. Dass er Antifaschist war, wollte er nie von sich behaupten. "Das fand ich fast pervers. Obszön", erklärt er rückblickend. "Man kann nicht in einer Zeit, wo es nicht viel kostet, anti zu sein, für sich ein Wort in Anspruch nehmen, was nur Sinn macht in einer Zeit, wo es das Leben gekostet hat, antifaschistisch zu sein. Deswegen habe ich nie gesagt, ich bin antifaschistisch."

Goebbels Stimme geht unter die Haut

Ruhig und konzentriert sitzt er an einem sonnigen Maitag in seiner turnhallengroßen Bibliothek. Die Bibliothek gehört zu einem Herrenhaus eines 35 Hektar großen Anwesens, das er mit 51 Häusern für seine Bilder und Skulpturen, mit einem in den Berg geschlagenen Amphitheater aus Schiffscontainern und mit einer surrealistischen Turmlandschaft vor den grünen Feldern und Wiesen des südfranzösischen Languedoc-Roussilons in eine Kunstwelt verwandelt hat. Kiefer erinnert sich an die Zeit vor 40 Jahren, weil die wichtigsten Arbeiten seines Frühwerks erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Es führt ihn zurück zu der Zeit, als sein Werk begann.

Seine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus war auch ein Echo auf die neue Begeisterung für das Totalitäre, die seine Kommilitonen erfasst hatte. Für Mao statt für Hitler. "In der offiziellen Linken gab es sehr viel Blindheit", erinnert sich Kiefer. Die chinesische Propaganda wurde von klugen, jungen Menschen ernst genommen. Von seinem Bruder zum Beispiel, einem Arzt. Kiefer war entsetzt. Mit seiner Biografie hätte das nichts zu tun, erklärt er, sondern mit der intellektuellen Disposition. "Die drei Elemente, die den Menschen ausmachen, der Wille, der Intellekt, das Gefühl, waren bei mir in einem. Es war eben nicht nur der Intellekt und das Denkvermögen. Das Gefühl und der Wille waren beteiligt an der Erkenntnis." Erkenntnis war auch eine körperliche Erfahrung.Das Lehrerkind hatte Schallplatten der Amerikaner zur Umerziehung der Deutschen gehört. Auf den Platten waren wichtige Reden von Hitler, Goebbels und Göring zu hören - und das Hören der Reden wurde für den sensiblen jungen Mann zu einer existenzielle Erfahrung. "Ich war geschockt, weil die Schallwellen dieser Reden direkt unter die Haut gingen. Sie wurden über die Haut auf das Nervensystem weitergeleitet. Das ist ein anderer Zugang, als wenn man etwas über die Hitlerzeit liest."

Geboren im Bombenhagel des Krieges

Anstatt den Antifaschismus zu behaupten, setzte sich Kiefer dem Faschismus körperlich aus. "Aus dieser körperlichen Erfahrung, die begleitet war von einer geistigen Erfahrung, durch umfangreiche Lektüre und Studien, habe ich wieder eine körperliche Aktion gestartet und habe das ausprobiert an mir selbst." Mit "das" meint Kiefer den Hitlergruß, den körperlichen Akt der Führerverehrung. Als er das erste Mal die Hand hebt, war das "ziemlich schwierig, aufregend natürlich, aber auch sehr beklemmend."

Seinem Kunsthändler und Freund Heiner Bastian erklärte er es später wie ein Experiment. "Ich wollte für mich selbst herausfinden, ob Kunst nach dem Faschismus überhaupt noch möglich ist. Ich wollte hinter dem Erscheinungsphänomen Faschismus, hinter seiner Oberfläche erkennen, was der Abgrund Faschismus für mich selbst bedeutet, denn diese Geschichte ist ja Teil jeder Wirklichkeit, auch meiner Selbstfindung ..., ich wollte das Unvorstellbare in mir selbst abbilden."

Das Leben von Anselm Kiefer folgt den Bruchlinien deutscher Geschichte. Geboren wurde er am 8. März 1945 in Donaueschingen, "im Keller des Krankenhauses", genau zwei Monate vor der Kapitulation. Seine Eltern haben ihm Wachs in die Ohren gesteckt, um dem Säugling den Lärm detonierender Bomben zu ersparen, wie Odysseus sich selbst den Gesang der Sirenen.

Die biografische Drastik erinnert etwas an jene seines späteren Lehrers Joseph Beuys, der als abgeschossenes Besatzungsmitglied eines Kampffliegers von Krimtartaren mit Fett eingerieben und in Filz eingewickelt überlebte und aus dieser traumatischen Erfahrung den Kern seiner Materialästhetik entwickelte.

Wie Charlie Chaplin als "großer Diktator"

Kiefer stellte die Frage nach der eigenen Identität radikal. "Mit 22 weiß man noch nicht, wer man ist. Ich wollte wissen, wer ich bin und woher ich komme. Die erste Etappe war natürlich das Dritte Reich." Kiefer dokumentiert die "Besetzungen" in meist düsteren Schwarz-Weiß-Fotografien, auf denen ein junger Mann mit schütterem Haar und Nickelbrille, in eine unordentliche Fantasieuniform gekleidet, die Hand zum Hitlergruß erhebt, "versunken in die ebenso lächerliche wie verhängnisvolle Geste der Eroberung", wie der österreichische Schriftsteller und Bruder im Geiste Christoph Ransmayr über Kiefers Fotos schrieb. Zuerst im Atelier und auf dem eigenen Bett, dann auch auf einer Reise durch Europa. In Montpellier musste er vor ein paar älteren Männern fliehen, die ihn stellen wollten.

Die Bühnen des Hitlergrußes sind auf den Fotografien wie auf den Ölbildern mit Bedacht gewählt. Vor dem Thron von Papst Pius XII., dem Papst der von den Gräueln der Nazis wohl wusste und zu viel schwieg, wirkt der Hitlergruß wie eine Anklage. Vor der Meeresbrandung wirkt die Figur klein und verloren wie in Gemälden von Caspar David Friedrich. Andere Motive wie der Hitlergruß auf einem Schemel in der Badewanne stehend, erinnern an dadaistische Aktionen und an Chaplins Diktator.

Diese Aktion, so erinnert sich Kiefer, sei eine Anspielung auf einen Witz über Hitler. In diesem Witz fährt "der Hitler" mit Goebbels und Göring im Boot auf das Meer und steigt aus. Er geht unter. Wieder an Bord erklärte Hitler: "Dann konnte der andere das auch nicht." Kiefer lacht nicht, als er die Pointe erzählt und fügt hinzu. "Deshalb sollte das Foto auch heißen: Versuch, auf Wasser zu gehen."

Die Zweideutigkeit eines gemalten Hitlergrußes

Für Kiefer war Hitler ein "Biedermann", der sich vor allem Operetten angesehen hat. Der gesamte nationalsozialistische Kunstbetrieb erschien ihm "völlig mittelmäßig, langweilig und abstoßend". Während seines Studiums der NS-Kunst fand er kein Bild, das nicht elend war. Dass dem Faschismus ein "pseudokünstlerisches System zugrunde lag" hat Kiefer berührt und verletzt. Auch die Tatsache, dass Hitler selbst als Künstler begann und sich in den 20er-Jahren anhand von inszenierten Fotografien zum Führer stilisierte und trainierte, führte zu einem heiligen Ernst in der Suche nach den Wurzeln der Identität: nicht nur als Deutscher, sondern als Künstler.

Weil Kiefer immer Maler werden wollte, wurden aus den Aktionen und deren fotografischer Dokumentation auch Gemälde. Ungelenke Gemälde, wie er später zugibt, denen man ansieht, dass sie sich ihrer selbst nicht gewiss sind. Das billige Sackleinen und der gebastelte Lattenrost akzentuieren das "Hippieeske" von Kiefers Aufzug: die schlecht sitzende Uniformjacke, die übergroßen Hosen, das wilde Haar. Die malerische Darstellung des Hitlergrußes beseelt der zivile Ungehorsam. Er untergräbt die Eindeutigkeit der Geste.

In dieser Spannung beginnt Kiefers Werk Anfang der 70er-Jahre. "Das waren die ersten Bilder, die ich überhaupt durchgelassen habe", erinnert sich Kiefer. "Die anderen Bilder sind alle weg. Die Bilder aus dem Studium wurden irgendwann mal verbrannt, natürlich nicht von mir. Aber ich habe nie ein besonderes Verhältnis zu meinen Werken gehabt." Bis heute nicht.

Die Bilder verstaubten im Container

Eines der "Heroischen Sinnbilder" hat Kiefer in der Akademie in Karlsruhe gemalt und erntete Kritik. Nur Professor Rainer Küchenmeister, Sohn eines hingerichteten Widerstandskämpfers und selbst zwei Jahre Insasse eines Jugendkonzentrationslagers, unterstützte Kiefer bei der Arbeit. Joseph Beuys hatte später die formale Spannung zwischen dem Motiv und der Form der Darstellung sofort verstanden: "Wie du da stehst, das kann kein Nazi sein", erklärte der Träger des Eisernen Kreuzes 1.Klasse und des Goldenen Verwundetenabzeichens, "das ist viel zu lasch."

Soviel Differenziertheit konnte sich in den 70er-Jahren nur Joseph Beuys erlauben. Die Bilder verschwanden schnell. Kiefers damaliger Galerist Michael Werner wollte sie nicht zeigen. 1973 erschien in der Kunsthalle Baden-Baden ein Katalog, in dem ein heroisches Sinnbild abgebildet, aber nicht ausgestellt wurde. 30 Jahre später fällt dieser Katalog Heiner Bastian in die Hände und weckt seine Neugier.

Als Basitan Kiefer fragte, wo diese Bilder abgeblieben seien, begann eine Suche, bis die stark versehrten Ölgemälde in einem Industriecontainer auf Kiefers Anwesen in Barjac gefunden wurden. Bastian ließ die acht großformatigen Gemälde weniger liebevoll als werkstringent restaurieren. Die einzige Bedingung für die Ausstellung war, sie müsse in Berlin stattfinden und sie dürften nicht einzeln oder an einen privaten Sammler verkauft werden. "Ich wollte nicht", sagt Kiefer, "dass diese Bilder als Tauschwerte auftauchen - als 'radical chic'."

Vorläufer von Punk und Jonathan Meese

Auf den Trümmern seiner Unschuld hat Kiefer sein späteres Werk aufgebaut. "Trümmer sind das Sinnbild für Wandlung und für Weitergehen, für den Kreisprozess der Geschichte und des Lebens des Kosmos auch", erklärt Kiefer. "Jeder Neubeginn beginnt mit Trümmern. Die Analyse ist eine Auseinandersetzung mit Trümmern und ein Auseinanderklamüsern von dem, was verklebt ist. Das wird dann geteilt in Trümmer und kann dann wieder neu zusammengefügt werden."

Nach Kiefers heroischen Sinnbildern kam Punk und mit ihm die situationistische Verhöhnung der Nazi-Ästhetik. Auf einem der Gemälde malt Kiefer seinem zerzausten Männchen mit Führergruß ein rotes Hakenkreuz auf den Ärmel und nimmt damit die Provokationen der Punkbands New York Dolls und Sex Pistols vorweg. Georg Baselitz provoziert auf der Biennale in Venedig 1980 mit einer Figur, die "wie ein amputierter Hitler" mit Führergruß aussah. Der DDR-Maler Wolfgang Mattheuer formte kurz vor dem Fall der Mauer jene Skulptur mit dem theatralischen Namen "Jahrhundertschritt", die Hitlergruß und Arbeiterfaust zusammen brachte.

In die Gegenwart gerettet hat die gestische Auseinandersetzung mit dem Faschismus vor allem Jonathan Meese, der in seinen Performances und Theaterstücken das eigene, nachgeborene Spannungsfeld zur deutschen Geschichte untersucht. Meese folgt dabei mehr der Logik des absurden Theaters und des Punks. Über Künstlerkollegen, die sich nach ihm am Hitlergruß versucht haben, möchte Kiefer am liebsten nichts sagen. "Das ist Redundanz, es ist überflüssig", erregt er sich. "Das ist heute nur noch ein Kitzel. Ich meine, welche Türen wollen wir da noch einrennen?"

"Es ist noch nicht genug, dass man darüber redet"

Als jemand, der sich sein Leben lang mit Geschichte auseinandergesetzt hat, ist sich der 63-Jährige seiner kunsthistorischen Position sehr gewiss. Gesucht wird ein Museum, das dieses Frühwerk erwirbt. Zusammen mit Gerhard Richters Stammheim-Zyklus, der jetzt im MoMA in New York hängt, gehören die acht mitunter lausig gemalten Bilder von Kiefer ebenso wie die Folianten mit den dokumentierten Aktionen zu den wichtigsten Auseinandersetzungen deutscher Kunst mit den Abgründen der eigenen Geschichte.

Kiefer will das Kapitel der Vergangenheitsbewältigung nicht schließen. "Ich könnte nie wie Martin Walser sagen: jetzt ist mal genug. Ich verstehe, wenn man sagt, dass ein ritualisiertes Schuldbekenntnis kontraproduktiv ist, weil den Worten die Tiefe genommen ist. Aber ich würde nicht sagen, es ist genug, dass man darüber redet." Deshalb ist es gut, dass diese Bilder gezeigt werden: in ihrer Komik, in ihrer Unbeholfenheit, in ihrem jugendlichen Ernst. Kiefer, bevor Kiefer lernte, das Pathos zu beherrschen und zu produzieren.

Anselm Kiefers Ausstellung "Heroische Sinnbilder" ist bis zum 13. September 2008 zu sehen im Ausstellungsraum Céline und Heiner Bastian, Hinter dem Geißhaus1, Berlin. Katalog, Schirmer & Mosel, 44 Euro

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