Zweiter Weltkrieg

Warum Stalin Hitlers Ehrenwort glaubte

Russische Agenten versorgten Stalin mit genauen Informationen zum bevorstehenden Angriff Deutschlands im Jahr 1941. Doch Stalin glaubte Adolf-Hitlers-Bündnistreueschwüren. Die Hintergründe schildert ein CIA-Beamter in einem neuen Buch. Für Morgenpost Online erklärt Arno Lustiger warum Stalin den Krieg doch gewann.

Über den deutsch-sowjetischen Krieg, der am 22. Juni 1941 begann, sind bis heute unzählige Studien publiziert worden. Doch noch immer entzieht sich dieser ungeheuerlichste Eroberungs- und Vernichtungskrieg aller Zeiten einer Historisierung, weil seit den 90-er Jahren viele neue Forschungen aufgrund von bisher unbekannten Dokumenten aus nur zeitweilig zugänglichen sowjetischen Archiven erschienen sind.

Wie und warum wurde Stalin vom Kriegsausbruch überrascht? Einen wichtigen Beitrag hierzu liefert nun das Buch "What Stalin Knew" des hohen CIA-Beamten David E. Murphy, in welchem er aufgrund neuer Quellen viele noch offene Fragen beantwortet. Eine von ihnen ist die umfangreiche zweibändige Dokumentensammlung "God 1941" - Das Jahr 1941, die auf Weisung des Präsidenten Jelzin 1998 von Aleksandr Jakowlew herausgegeben wurde. Murphys Buch hat in den USA, England und in Russland eine lebhafte Diskussion ausgelöst.

Glaskare Berichte deutscher Agenten

In dem Buch erfährt man Details über die unglaubliche Zahl von sowjetischen Agentennetzen- und Spionen. Es gab den Militärspionagedienst GRU, den Auslandsspionage-Dienst des NKWD, die Rote Kapelle von Leopold Trepper, der viele jüdische, deutsche und französische "Kundschafter" angehörten, zivile Spione in den USA, England, Schweiz etc. Außerdem lieferten Abwehrdienste der Grenz- und Transporttruppen genaue Berichte über die Truppenmassierungen an der Grenze und über Hunderte von ungestörten Beobachtungsflügen der Luftwaffe usw.

Eine neunseitige Liste im Buch enthält die Namen von einigen Hundert Spionen; die Chronologie der Agentenberichte über den Kriegsausbruch zeugt von einem unablässigen Fluss von Informationen über den von Adolf Hitler geplanten Überfall auf die Sowjetunion.

Besonders präzise und deshalb äußerst kostbar waren die Berichte der deutschen Agenten, wie Rudolf v. Scheliha, Arvid Harnack, Willi Lehmann und Dr. Richard Sorge, die Stalin jedoch für Täuschungsversuche hielt. Den letzten warnenden Bericht vom 16. Juni 1941, sechs Tage vor dem Überfall, von Oberleutnant Harro Schulze-Boysen, der im Luftwaffenstab diente, kommentierte er mit den Worten: "Schickt diesen Desinformanten zu seiner gev***ten Mutter." Soweit das Buch von Murphy.

Stalin ignoriert Informationen zu Kriegsstart

Noch in allerletzter Stunde, am 21. Juni 1941, desertierte der Berliner Kommunist Alfred Liskow über den Bug, um seine sowjetischen Genossen vor dem Überfall am nächsten Tag zu warnen. Statt belobigt zu werden, wurde er dann allerdings als Desinformant erschossen.

Der wichtigste Spion war Dr. Richard Sorge, der 1895 bei Baku geboren wurde. Er nahm als Freiwilliger am Weltkrieg teil, wurde schwer verwundet und bekam das Eiserne Kreuz. Von 1922 bis 1924 war er Assistent am Institut für Sozialforschung in Frankfurt. Später war der überzeugte Kommunist Agent des GRU, kam 1933 nach Japan.

Als enger Freund des deutschen Botschafters in Tokio, General Eugen Ott, hatte er Zugang zu vielen geheimen Dokumenten. Gemeinsam mit seinem Funker Max Clausen hat er 141 Funksprüche und viele Mikrofilme nach Moskau geschickt. Er informierte mehrmals auch über den drohenden Angriff der Wehrmacht mit Angabe des Tages, der Stärke und der Richtungen des Angriffs. Seine Berichte wurden jedoch von Stalin, der Sorge als Bordellwirt bezeichnete, ignoriert.

Hitler belog Stalin mit Kalkül

Der Paranoiker Stalin misstraute fast allen seinen Generälen, Agenten usw. und unterschätzte zugleich Hitlers lebenslangen Traum und seine fanatische Entschlossenheit, den Bolschewismus zu vernichten und die Juden auszurotten. Stalin ließ etwa den Chef des Nachrichtendienstes GRU General Proskurow, "Held der Sowjetunion", der die Berichte seiner Agenten korrekt analysierte und Stalin ständig warnte, verhaften und Ende Juni 1941 erschießen.

Wenige Wochen vor dem Überfall tauschten beide Diktatoren Briefe aus, in denen sie sich ihrer gegenseitigen Bündnistreue versicherten. Hitler war an einem der raffiniertesten und erfolgreichsten Täuschungsmanöver des Krieges persönlich beteiligt. Am 15. Mai 1941 landete nach einem angeblich unautorisierten Flug in Moskau eine Ju-52 mit einem Brief Hitlers an Stalin. Das Flugzeug überwand alle Luftabwehr-Zonen, wurde in Moskau betankt und flog zurück.

In dem Brief versicherte Hitler mit seinem Ehrenwort als Führer des deutschen Volkes Stalin, dass die Truppenmassierungen an der Grenze nur dem Schutz der Wehrmacht, die sich auf die Invasion Englands vorbereite, vor britischen Luftangriffen dienten. Es ist unglaublich aber wahr; Stalin glaubte dieser Desinformationslüge! Und genau deshalb wurde General Pawel Wolodin, Stabschef der Luftwaffe, dem Stalins Anordnung, das Flugzeug passieren zu lassen, bekannt war, als Mitwisser am 27. Juni 1941 erschossen.

Stalin ließ Kriegshelden foltern

Hier eine Rückblende. Am 14. April 1941 wurde ein Nichtangriffsabkommen zwischen der Sowjetunion und Japan unterzeichnet, das bis 1945 eingehalten wurde. Dr. Sorge hat mit seinem Funkspruch Ende September 1941, vor der Schlacht um Moskau, die Information übermittelt, dass Japan nicht wie befürchtet die Sowjetunion im Fernen Osten, sondern Indochina und Indonesien angreifen würde. Durch diese kriegsentscheidende Information konnten mehrere motorisierte Divisionen mit Flugzeugen und Panzern und anschließend die Heeresreserve aus Fernost und aus Sibirien abgezogen werden und den deutschen Vormarsch bei Chimki, knapp 20 Kilometer vor Moskau stoppen.

Dr. Sorge hat mit seinem vorletzten Funkspruch nach Moskau die Sowjetunion gerettet. Er wurde am 18. Oktober 1941 in Tokio verhaftet und am 7. November 1944 gehenkt. Ihm wurde 1964 postum den Titel "Held der Sowjetunion" verliehen; eine Straße in Berlin trägt seinen Namen.

Wie war es möglich, dass nach dem schrecklichen Desaster von 1941 der Krieg mit dem Sieg der Roten Armee 1945 endete? Einige Gründe hierfür: In den 30er Jahren ließ Stalin Abertausende von Offizieren umbringen, darunter Hunderte von Generälen. Vom April bis Juni 1941 wurden 64 hohe Offiziere, darunter viele Generäle und "Helden des Sowjetunion" verhaftet und gefoltert, unter ihnen mehrere Generäle der Luftwaffe, die bis 1938 als Kommandeure und Flieger im spanischen Bürgerkrieg kämpften. Die besten Kenner der deutschen Kriegsmaschine wurden aus Moskau evakuiert, am 28. Oktober 1941 in Sibirien heimlich erschossen.

Arbeiter der Rüstungsindustrie evakuiert

Ab Ende Juni 1941 wurde kein General mehr umgebracht, weil den riesigen, hastig aufgestellten Millionenheeren erfahrene Führer fehlten. Wer das Glück gehabt hatte, die Massaker zu überleben, konnte sogar Karriere machen. Ein gutes Beispiel ist der polnisch-stämmige Konstantin Rokossowski. Obwohl Freiwilliger der Roten Armee seit 1918, war er als Oberst seit 1937 Gulaghäftling. Nach der Entlassung 1941 wurde er zum Generalmajor befördert. 1945 war er Befehlshaber der siegreichen 1. Weißrussichen Heeresgruppe.

Ein wenig bekanntes Kapitel von Anfang des Krieges ist die Evakuierung von 25 Millionen Menschen aus dem Westen der Sowjetunion ins Uralgebiet und nach Sibirien. und vor allem von mehr als tausend Fabriken zur Produktion von Flugzeugen, Panzern, Geschützen, Munition, Panzerplatten usw. Die deutsche Kriegsführung hat das Gros der sowjetischen Rüstungsindustrie nicht kaputt gebombt, weil man davon ausging, dass diese wertvollen Werke sowieso bald in deutschen Händen sein werden.

Diese Fehlannahme hat den Sieg gekostet. Sofort nach Kriegsausbruch wurde ein Oberstes Evakuierungskomitee gegründet, das diese gewaltige, unvergleichliche logistische Leistung vollbrachte. Der für die Rüstung zuständige Volkskommissar, der jüdische General Boris Wannikow, wurde im Mai 1941 verhaftet, weil er den ohne sein Wissen von Stalin befohlenen Produktionsstopp von panzerbrechenden Waffen scharf kritisierte. Nach Kriegsausbruch wurde er sofort entlassen, organisierte die Evakuierung der gesamten, noch intakten Rüstungsindustrie mit Hunderttausenden von Facharbeitern; Tausende von ihnen wurden mit ihren Familien sogar mit Flugzeugen evakuiert. Diese Evakuierung unter Kriegsbedingungen, mit knappen Reserven an Waggons und Lokomotiven zu bewerkstelligen und Tausende von Kilometern entfernt neue Betriebe aus dem Boden zu stampfen war eine tatsächlich unglaubliche Leistung. In nur drei Jahren 1942 bis 1944 wurden am Ural und in Sibirien 100.000 Flugzeuge, 78.000 Panzer, 380.000 Geschütze und die dazu gehörige Munition produziert.

Die Keinen-Schritt-zurück-Parole

Trotz dieser gewaltigen Anstrengungen hätte die Sowjetunion ohne die Hilfe Amerikas den Krieg nicht gewinnen können. Neben Waffen fehlten Transport-, Kommunikations- wie auch Lebensmittel. Mit dem "Lend-Lease Act", dem Leih- und Pachtgesetz von 1941 versorgten die USA alle Alliierten mit dringend benötigten Gütern. In relativ kurzer Zeit wurde deshalb eine gewaltige Rüstungsindustrie in den USA aufgebaut. Die Rote Armee erhielt bis 1945 Güter im Werte von 158 Milliarden Dollar nach heutigem Wert.

Einer der grausigsten Gründe für den Sieg der Roten Armee ist der berüchtigte Geheimbefehl Stalins Nr 227 vom 28. Juli 1942. "Ni schagu nasad!" - Keinen Schritt zurück! Er wurde an der Front nur von Politkomissaren verlesen und durfte nach dem Kriege jahrzehntelang nicht veröffentlicht werden. Mit diesem Befehl wurde der Krieg von Stalin ungeheuer brutalisiert. Jeder Soldat, der ohne ausdrücklichen Befehl zurückwich, sollte mit dem Tod bestraft oder zu den neu gegründeten "Schtrafbats" - Strafeinheiten, versetzt werden. Das erste "Schrafbat" bestand aus 1.000 degradierten Offizieren. Drei Tage nach dem ersten Fronteinsatz waren nur noch 300 von ihnen am Leben.

Der Anteil der Partisanenverbände an den Erfolgen der sowjetischen Armee war besonders in Weißrussland groß. Im Bereich der Heeresgruppe Mitte operierten ca. 140 000 Partisanen, darunter auch einige Tausend Juden. Zahlreiche Sicherungs-Divisionen der Wehrmacht versuchten, Herr der Lage zu werden. Aber der Preis war hoch. Hunderttausende Zivilisten haben im Rahmen der sogen. "Bandenbekämpfungs-Maßnahmen" ihr Leben verloren, Hunderte von Dörfern wurden zerstört. In der größten Kampfaktion der Militärgeschichte griffen die vom Zentralen Partisanenstab in Moskau befehligten Einheiten in der Nacht vom 19. zum 20. Juni 1944 mit 10 500 Sprengungen sämtliche Straßen- und Bahnstrecken der Heeresgruppe Mitte an.

Stalins strategische Fehlurteile führten zur Katastrophe von 1941 und zu unglaublichen Verlusten. Selbst bei jeder der späteren siegreichen Schlachten, von Kursk bis Berlin, sind dreimal soviel sowjetische als deutsche Soldaten gefallen. Bevor Stalin sein Reich rettete, hätte er es fast zerstört. Sowjetische Forscher schätzen den Verlust an Menschenleben, die Stalins "geniale" Führung mit ihrem Leben bezahlt haben, mit etwa 27 Millionen. Durch Stalins außergewöhnlich brutale und unbarmherzige Maßnahmen konnte die katastrophale Situation in einen Sieg umgekehrt werden. Der Mythos, dass Stalin ein großer Stratege war, der den Krieg gewonnen hat, blüht heute in Putins Russland wieder auf.

Der Autor ist Herausgeber des "Schwarzbuch: Der Genozid an den sowjetischen Juden" und Verfasser des "Rotbuch: Stalin und die Juden".