Musik

Madonna bestellt ihre Sounds in Kreuzberg

Justin Timberlake, Sänger Dave Gahan, Wir sind Helden, die Fernsehserie "CSI" - alle benutzen Klänge aus dem Computer. Die Programme dazu liefert eine Firma aus Berlin-Kreuzberg. Morgenpost Online hat Native Instruments besucht. Software-Instrumente prägen mittlerweile weltweit die Musik.

Es tut sich etwas im Pop. Justin Timberlakes Bässe mischen sich mit menschlichem Singsang zu einem seltsam gläsernen Dröhnen. Der Depeche-Mode-Sänger Dave Gahan hat seinem Bombastpop feine, raue Strukturen wie Schmirgelpapier hinzugefügt. Die Komponisten der TV-Sendung CSI haben extrem prägnante, fast beißende Musikflächen erfunden.

Eins haben sie alle gemeinsam: Sie benutzen die Klangprogramme der Berliner Firma Native Instruments. Selbst der Produzent Timbaland, derzeit die große Schlüsselfigur des US-Pop, ruft bei Native Instruments (NI) an, wenn er mit seiner Software Probleme hat. Madonna bekommt ihren Sound also aus Kreuzberg - Timbaland war zuletzt für ihr Album "Hard Candy" verantwortlich.

Sie heißen "Reaktor", "Battery" oder "Guitar Rig"

Native Instruments verkauft Programme, die Klänge erzeugen; vom Synthesizer bis zum charakteristischen Gitarrenverstärker. Was früher in Kondensatoren und Spulen stattfand, simulieren sie im Rechner. Sie heißen "Reaktor", "Battery" oder "Guitar Rig", man kann sie auf der Bühne oder im Studio benutzen und braucht dazu nicht mehr als einen normalen Computer. Sie klingen genauso gut wie herkömmliche Instrumente. Unterschiede hören nur spezialisierte Experten - oder Leute, die ein Messgerät haben.

"Wir haben diese elektronischen Klänge für alle verfügbar gemacht", sagt Geschäftsführer Daniel Haver. "Inzwischen sind sie überall, selbst für Rockbands ganz normal." Vor zwölf Jahren gründete sein Kompagnon Stephan Schmitt, heute 50, die Firma. Haver kam dazu. Ein Hardware-Bastler traf einen Grafiker und Hobby-DJ. Heute führen sie den weltweit größten Hersteller von Software-Instrumenten.

Wer die beiden in ihrem Kreuzberger Hinterhof besuchen will, kann sich leicht verirren. Die Geschäftsräume sind über zwei komplette Höfe an der Spree verteilt. Diese Firma ist so plötzlich gewachsen, dass sie bald keinen zusammenhängenden Raum mehr bekam. Weiß gestrichen ist alles und geräumig, ganz lässiges Berliner Loftbüro. Dann aber steckt Krempel in Regalen, Mischpulte, Plattenspieler, Kabel quellen hervor. In schalldichten Studios werden alte Keyboards und Verstärker vermessen. Die 100 Angestellten sind jung und sagen du.

Haver selbst wirkt unter ihnen wie ein Musikfan. "Wir sind doch stolz auf unsere Sache", sagt der 41-jährige. "Ich bin Placebo-Fan und beim Konzert kann ich sehen, dass die gerade drei unserer Produkte live einsetzen. Wenn ich dann hinter die Bühne gehe und mit den Jungs quatsche, und die sind von uns begeistert, das gibt mir natürlich was."

Auch Jazzmusiker und Komponisten nutzen NI

Nicht nur Placebo liebt Native Instruments. Auf der Firmenwebsite sind Interviews mit Kunden versammelt - darunter Yello, Nine Inch Nails, Wir Sind Helden. Leute aus Jazz und Filmmusik. Oder der Komponist Minas Borboudakis, der NI-Produkte an der bayerischen Staatsoper verwendete.

Neue Technologien haben schon häufig die Musikwelt umgekrempelt. Die Röhrenverstärker brachten den warm grollenden Klang des Rock 'n' Roll, mit den elektrischen Synthesizern kam der strahlende Sound Kraftwerks. Der Pop der Achtziger klingt nach der zweiten, digitalen Synthi-Generation. Die glockigen Pianos, die etwa Elton John spielte, kamen vom Yamaha DX7. Der 1982er Hit "Don't you want me" von Human League wäre ohne die federnden Klänge des Korg Delta nicht denkbar.


Wer in zwanzig Jahren auf die Charts von heute zurückblickt, wird die Klänge und den Umgang mit ihnen, den Native Instruments populär gemacht hat, erkennen.

Stevie Wonder: "Sounds like the real deal"

Mit einer Hammond-Orgel fing alles an. Das legendäre Instrument, geprägt von Jazzern wie Jimmy Smith, ist für Keyboarder ein Traum mit Nachteil: Eine Hammond B3 mit Leslie, dem rotierenden Lautsprecher, wiegt rund 200 Kilogramm. Als Native Instruments 1999 den Sound als Programm herausbrachte, war das Schleppen endlich vorbei. Auf einmal lief bei Leuten, die sich das Original eigentlich leisten können, etwa bei Tom Jones, das Programm. "In unseren Kindertagen mussten wir beweisen, dass wir kein Spielzeug machen, sondern dass Softwareinstrumente so gut sind wie andere", sagt Haver. "Das weiß heute jeder Musiker."

Damals kam Stevie Wonder an seinen Stand der Musikmesse NAMM Show in LA. Er spielte. Haver erinnert sich noch, wie er sich dann umdrehte und zu ihm sagte: "Sounds like the real deal."

Und dann ging das Geschäft los. Ab etwa 2001 waren Softwareinstrumente bei Musikern endgültig akzeptiert. Im Jahr 2002 gründete Native seine Niederlassung in Hollywood. Dort machen sie heute 40 Prozent ihres Umsatzes.

Viele Musiker blicken nicht mehr durch

Inzwischen entdecken die Kreuzberger überall ihre Instrumente. In dem Song "Bleeding Love" von Leona Lewis erklingt eine besonders scharfe Trommel, die ist von ihnen. Auf "M Train to Brooklyn" des DJs Loco Dice singt eine künstliche Stimme immer wieder eine Art "Ahh", das ploppend und ein Vibraphon klingt, auf halbem Weg zwischen Mensch und Metall. Und das Solo-Album "Hourglass" des Depeche-Mode-Sängers Dave Gahan ist fast komplett mit ihrer Software entstanden.

Die scharfe Trommel bei Lewis, die übernatürliche Stimme von Loco Dice, der radioaktiv aufgeheizte Orchesterklang von Gahan - dies alles sind Sounds, die den Klang natürlicher Instrumente leicht elektronisieren. Sie liegen auf halbem Weg zwischen Akustik und Elektro-Experiment. Genau das ist der Charakter von Native Instruments. Und der Charakter des aktuellen Pop.

Dabei geht es hinter den Kulissen gar nicht mehr darum, neue Klänge zu erfinden, sondern das bereits Vorhandene zu vereinfachen. Das Interessanteste von NI ist zurzeit das kleine Tischgerät "Kore2", eine Konsole mit einem großen Drehknopf, die einfach nur die Klangbibliothek zusammenfasst. Auf dem Bildschirm werden die tausenden Klänge, die der Musiker heute auf dem Rechner haben, übersichtlich sortiert. Mit dem Drehknopf wählt er aus und mischt. Selbst das beeinflusst den Klang - denn es verleitet dazu, Sounds zu schichten, sie fetter und experimenteller zu machen.

Zurück zu alten Klängen - mit neuen Programmen

Zugleich bringt ausgerechnet die totale Digitalisierung auch Klänge wieder. Gitarristen etwa suchen meist seltene alte Verstärker. Manchmal können die Berliner auch solche Wünsche erfüllen. In Hamburg trieben sie einen Twin Reverb von Fender auf, den Jimi Hendrix dort live spielte. Das Gerät wurde vermessen, sein Klang digital nachmodelliert und in ihr "Guitar Rig" eingefügt. Das ist eine kleine Kiste, die etliche Gitarreneffekte simuliert. Dort genügt ein Knopfdruck und jede Gitarre klingt, als hänge sie an der Antiquität.

Inzwischen beherrscht NI sogar den DJ-Markt, mit einer digitalen Mix-Station ohne Plattenspieler. Die drei japanischen Giganten Korg, Roland und Yamaha, bisher Alleinherrscher der Musiktechnik, blicken heute neidisch nach Berlin. Keiner von ihnen hat erkannt, dass die Computerisierung auch ihr Feld ergreifen wird.

Dabei war der Start für Native nicht einfach. Anfangs sollte ihr "Reaktor", ein Synthesizer-Baukasten, der praktisch alles kann, den Markt aufrollen. Nur die Musiker spielten lange nicht mit. "Die Vision war schon, dass man mit Musikprogrammen einen Großteil des Marktes übernimmt", sagt Schmitt. "Wir haben uns gewundert, als das zuerst nicht klappte."

Privatnutzer und Profis

"Wir haben aber schon damals ästhetische Akzente gesetzt", findet Haver. "Vor allem mit der Art der Klangästhetik, für die Reaktor stand. Das war damals sofort unter Soundbastlern beliebt, so zischende, artifizielle Sounds, eher Kleines im Hintergrund, was Songs charakteristisch macht. Heute findet man es in Rock und Pop überall".

Überall, das ist sein Stichwort. "Wir haben die Musikproduktion demokratisiert", sagt er. Denn vor 15 Jahren noch war es undenkbar, sich für so wenig Geld wie heute ein komplettes Studio in die Wohnung zu stellen. Wer auf MySpace nach neuen Bands sucht, hört bei jeder dritten die Klänge der Berliner Programmierer.

Die neue Popmusik, die oft ohne Konzerne funktioniert und in der jeder Produzent werden kann - die ist ohne diese erstaunliche Berliner Hinterhoffirma gar nicht denkbar.