Rock

Paradise Lost sind wieder schön laut

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Michael Pilz

Foto: EMI

Die britische Heavy-Metal-Band mag es gern heftig. Das kommt mittlerweile in gutbürgerlichen Kreisen an: Krachmusik ist längst etwas für die Mitte der Gesellschaft. Jetzt erscheint ihre Platte "In Requiem". Und Sänger Nick Holmes hat auch ein düsteres neues Wort für seine Klänge.

Was macht eigentlich das Paradies? Es setzt nur noch vereinzelt Sehnsüchte nach vollbrüstigen Jungfrauen und Rotweinströmen frei. Die heute eher von Nachwuchsmusikern gehegten Fantasien begrub Nick Holmes schon mit den Achtzigern, als er die Gruppe Paradise Lost ins Leben rief. Auch unberührt vom 1989er Freiheitstaumel grunzte Holmes von "Frozen Illusions". Wer sich den Radau aus Halifax (England) zu Herzen nimmt, lässt alle Hoffnung fahren. Außer einer: Möge Paradise Lost sich bitte wieder in den überschwänglich trostlosen Verein zurück verwandeln, der er war.

"In Requiem" kommt man der Bitte eifrig nach. Das Album kam bereits im Frühjahr in der Liebhaberversion und auf Vinyl heraus. Vor Weihnachten erscheint nun die gewöhnliche CD als Volksausgabe. Eine durchaus schlüssige Veröffentlichungspolitik: Der oft geäußerte Verdacht, dass Heavy Metal sich längst in der Mitte der Gesellschaft wieder finde, wurde spätestens im Sommer durch die "Spiegel"-Trendgeschichte "Messer in der Hose" amtlich.

Das Bürgertum liebt harten Rock

Darin stand: "In einem nivellierten Pop-Business ist die Krach- und Dröhnmusik die letztmögliche Ausdrucksform des Rock'n'Roll." Die schöne These wurde nicht nur an den Konsensträgern AC/DC, Iron Maiden (siehe unten) und Metallica bewiesen. Sondern auch an den Millionenumsätzen von Manowar, Kreator oder Napalm Death. Die Krachbands wurden allerdings schon in den frühen Achtzigern gegründet, und wenn Heavy Metal einem höheren Sinn gehorcht, dann dem, sich notfalls mit akustischer Gewalt und möglichst lange gegen jede Zuneigung des Bürgertums zu wehren.

Dafür wurden in den Neunzigerjahren Death und Doom Metal erfunden. Paradise Lost nahm 1991 "Gothic" auf, um mit den Genre Gothic Metal die Verwirrung zu forcieren. Eingeweihte klagten deshalb, als sich Paradise Lost bald mäßigte, immer mehr Menschen anzog und vorübergehend klang wie Depeche Mode, nur mürrischer.

2001 erinnerte die Band sich ihres Auftrags und nahm mit "Believe In Nothing" hellsichtig die nach dem 11.9. wieder aufkeimenden Diskussionen über Glauben, Paradies und Religion vorweg. Es wurde wieder rigoroser. 2005 mit "Paradise Lost" und heute mit "In Requiem". Dark Rock nennt Nick Holmes es heute, um sich von der hellen Mitte der Gesellschaft fern zu halten, aber keinen aufrichtigen Nihilisten auszugrenzen. Vielleicht kommt die Band auf diese Weise nie ins Konsensalter.

Dafür betet auch "In Requiem": Es überwiegt das umwerfend Erschreckende wie "Praise Lamented Shade"; doch auch die

Neigung zum Getragenen wird eingestanden in "Your Own Reality". Das Paradies hat übrigens nicht erst der Gothic Metal Großbritanniens aufgegeben. Vor 340 Jahren äußerte der Lyriker John Milton in "Lost Paradise" gewisse Sympathien für den Teufel. Später schrieb er "Paradise Regained", vom Wiedereintritt. Aber daran wollte damals schon kein Mensch mehr glauben. Nie hätte sich eine Band danach benannt.

Paradise Lost : In Requiem (Century Media).

Außerdem erscheinen:

Iron Maiden: A Matter Of Life And Death (EMI)

James Taylor: One Man Band (Hear Music)

Nine Inch Nails: Y34rz3r0r3mix3d (Interscope)

Jean-Michel Jarre: Oxygene – Live in Your Living Room (Capitol)