Aktion mit Streuselschnecken

Künstler will Berliner Bäckerei zum Kunstwerk erklären

Die Bäckerei Kollwitz in Prenzlauer Berg ist ein kleiner, unscheinbarer Laden mit großem Schaufenster, billigen Kunstdrucken und roten Sitzkissen. Und bei dieser Idylle soll es auch bleiben. Dennoch wird künftig alles anders sein. Der Berliner Aktionskünstler Peter Kees will die Bäckerei zum Kunstwerk verwandeln.

Foto: David Heerde

Marcel Duchamp hat es vorgemacht. Damien Hirst verdiente kürzlich eine Menge Geld damit. Beide erklärten Fundstücke aus dem Alltag zur Kunst. 1914 war es ein Flaschentrockner aus Eisen, 77 Jahre später ein in Formaldehyd eingelegter Tigerhai, der hitzige Debatten in der Kunstwelt auslöste. Der Berliner Peter Kees will nun noch einen Schritt weiter gehen. Er holt die alltäglichen Fundstücke gar nicht erst ins Museum, sondern trägt den Lebensraum als Kunstwerk wieder in den Alltag hinein. Am Donnerstag will er eine Bäckerei in Prenzlauer Berg samt verkäuflichem, lebendigem und festem Inventar zum Kunstwerk erklären.

"... oder die Kunst, einfach nur da zu sein" soll das Werk heißen, in dem das Berliner Kunstpublikum künftig Kaffee trinkt, Brötchen kauft oder in der Tageszeitung schmökert. Damit wird die visuell ohnehin nicht immer sehr wirkungsvolle Kunst im öffentlichen Raum um eine ungewöhnliche Facette erweitert - um eine unsichtbare nämlich. Die Bäckerei Kollwitz in der Sredzkistraße 51 ist in Zukunft nur für diejenigen als Kunstwerk zu erkennen, die um die Aktion von Kees wissen. Denn wenn möglich soll dieser Ort genauso das bleiben, was er ist: ein kleiner, unscheinbarer Laden mit einem großen Schaufenster, billigen Kunstdrucken an der Wand, roten Sitzkissen an der Sonne und dem wohligen Duft von frisch gebackenem Blechkuchen.

"Schon jetzt gibt es Diskussionen darüber, ob es gut ist, eine solche Idylle öffentlich zu machen", sagt Kees: "Einige Menschen sagen, sie wollen keine Kunst sein und sie wollen auch gar nicht, dass alle anderen hierher kommen." Der Künstler rechnet deshalb auch mit Protestbekundungen und freut sich über aufmüpfige Transparente zur Ausstellungseröffnung. Denn wenn Kees eines nicht will, dann sind das angepasste Kunstwerke. Seit Jahren macht der gebürtige Bayreuther mit sozialkritischen Arbeiten an der Schnittstelle von Kunst und Leben auf sich aufmerksam.

So versprach er im letzten Jahr zusammen mit seinen Künstlerkollegen Uwe Jonas und Hans Winkler: "Wir machen mehr aus ihrem Geld". In einer Galerie überschütteten sie Geldscheine aus den Börsen der Besucher mit Schwefelsäure und suchten für die bröseligen Kunstwerke willige Käufer. Das Geld wurde selbst zur Kunst, die auf die Spitze getriebene Kunstspekulation in der Kunst anschaulich gemacht.

Kees will stets Debatten auslösen

Fünf Jahre zuvor stellte Kees in seiner Installation "ICH AG" nützlich verbrachte und unnütz versäumte Lebenszeit in Rechnung. Frei nach dem Motto "Jedes Tun kostet" wandte er sich an Unternehmen wie die "Deutsche Bahn" und die "Deutsche Post", aber auch an den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Diese Aktion brachte ihm zwar nicht den in Rechnung gestellten Geldsegen, aber eine hohe Medienpräsenz, auf die Kees bei den meisten seiner Werke angewiesen ist. Rückblickend erklärt der Künstler, er habe sich gewünscht, "dass wir uns alle nur noch Rechnungen schreiben. Das die echten Rechnungen untergehen in dem Wust an Papieren, die man täglich bekommt." Auch für sein neues Werk können die zur Kunst verdammten Bäckereigäste Rechnungen stellen, diesmal an Peter Kees. "Reaktionen finde ich immer gut", erklärt er und fügt hinzu, dass seine Sturm-und-Drang-Phase eigentlich vorbei sei. "Ich streiche jetzt nichts mehr kritisch rot an wie einen Fehler. Ich zeige hier einfach: Leute, so kann man leben und das ist total angenehm. Genießt es doch und lasst den Druck."

Diese Einstellung geht auch auf eine längere Krankheit zurück, die den Künstler im Sommer zwang, die oft gepriesene Entschleunigung in der Bäckerei Kollwitz in die Tat umzusetzen und einfach nur da zu sein. Hier hat der Begründer der arkadischen Botschaften sein ganz persönliches Arkadien gefunden. Dennoch ruht der "Fragensteller" in ihm nicht. "Nein", sagt er schmunzelnd, "ich muss immer einen Schritt weiter gehen und etwas thematisieren, ein Projekt draus machen, statt einfach nur hier zu sitzen und Kaffee zu trinken." Die Kunstwelt wird es ihm vielleicht mit hitzigen Debatten danken.

Bäckerei Kollwitz , Sredzkistr. 51, Prenzlauer Berg, Donnerstag um 18 Uhr

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