Neue CDs

Gangster-Rapper Nas erinnert an Rap-Wurzeln

Das Angebot ist enorm, jeden Freitag landen die neuen Pop-CDs in den Läden und auf den Download-Seiten. Morgenpost Online bespricht die wichtigsten neuen Platten der Woche. Heute: Country und Jazz danken dem Blues, die Stereo MCs bleiben sich treu und Gangster-Rapper Nas erzählt die Geschichte des schwarzen Mannes.

Foto: pa

Willie Nelson, Wynton Marsalis: Two Men with the Blues (Blue Note)

An zwei Abenden im Januar 2007 kam es im New Yorker Lincoln Center zu einer historischen Begegnung. Zum Beweis erscheint heute der Mitschnitt. Zwei vergnügte Männer strahlen einem vom CD-Cover entgegen: Wynton Marsalis, der gestrenge Traditionalist des Jazz, und Willie Nelson, der bezopfte Schrat des Country. Man kann ihre Freude sogar hören. Die Marsalis-Band spielt glaubwürdig antiken Kneipenswing und Bluesballaden. Willie Nelson krächzt seinen „Rainy Day Blues“ und Klassiker wie „Georgia On My Mind“ oder „Caldonia“. Jazz und Country haben ja durchaus etwas gemeinsam: Beides wurde regelmäßig vor jeder ästhetischen Vollendung ruiniert. Mal durch die Nashville-Industrie, mal durch den Free Jazz. Beides hat dem Blues viel zu verdanken, immer noch.

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She & Him: Volume One (Domino)

Man muss kein alter Mann mit Zöpfen sein oder ein wertkonservativer Jazztrompeter, um sich zu den Pioniertagen der Popmusik zurück zu sehnen. Zooey Deschanel ist 28 und Schauspielerin. Nichtsdestotrotz hat sie zehn antiquiert klingende Songs geschrieben, zwischen Country, Tiki, Folk und Schlager, singt sie voller Inbrunst und lässt sich dabei vom gleichgesinnten Musiker Matt Ward begleiten. Auch die Beatles lieben beide sehr. „I Should Have Known Better“ und „You Really Got A Hold On Me“ klingen, als hätten sich die Beatles in den Fünfzigerjahren auf Hawaii gefunden.

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Stereo MCs: Double Bubble (Pias)

Der Kalenderspruch „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“ stammt von Wolf Biermann. Von den Stereo MCs stammen elf Alben, die sich so verblüffend gleichen, dass Rob Birch, der geistige Vater, sich nur selbst verraten kann. Aber das tut er nicht. Er bleibt sich treu, macht einfach weiter so mit Clubmusik aus Soul und HipHop und wird immer besser darin, abgestandene Weisheiten zu widerlegen.

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Wire: Object 47 (Pink Flag)

Ein Comeback gerät nur selten rundherum erfreulich. Die Band Wire macht deshalb in größeren aber nicht regelmäßigen Abständen mit neuen Alben auf sich aufmerksam. Was Punk war, weiß inzwischen jeder, 31 Jahre nach „Pink Flag“: Unter dem Vorwand, die Gesellschaft zu brüskieren, konnten es auch weniger begabte Musiker zu etwas bringen. Wire wurden nicht nur ordentliche Musiker. Sie lernten auch den Geist der Sechziger zu lieben, dann die Ravekultur der Achtziger. Als elektronische Musik anstand, hießen sie nur noch Wir. So einflussreich die Band auf andere war, so gut weiß Wire selbst die Einflüsse zu schätzen. „One Of Us“ erinnert an die Sechziger, „For Long Years“ an die Raves und „Are You Ready“ an die zackige Marschmusik der Neunzigerjahre, unbeirrt geschmackvoll.

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Nas: Nas (Def Jam)

Was macht eigentlich der Gangster-Rap? Er hat sich damit abgefunden, ein erfolgreiches Produkt der Unterhaltungsindustrie für weiße Jüngelchen zu sein. Da platzt einem wie Nasir Jones aus Queensbridge schon noch mal der Kragen. Er erzählt vom schwarzen Mann. Vom Sklaven in den Südstaaten („Fried Chicken“), vom Rassismus heute („N.I.*.*.G.G.E.R.“) und von kleinen Hoffnungen („Black President“). Ganz große Unterhaltung. Michael Pilz

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Stereo MCs: Double Bubble (Graffit/Pias)

Der große Wurf, der die Karriere formte, reicht zurück ins Jahr 1992. Das Album „Connected“ brachten den Stereo MCs viel Lob, Anerkennung, aber rückblickend auch kreative Stagnation ein. Nie waren sie auf Platte so gut wie damals. Nach langer Schaffenspause bis 2001 kamen die Tonträger zuletzt im zügigen Dreijahrestakt. Das jüngste Werk „Double Bubble“ ist eine wummernde, willkommene Rückkehr der britischen Elektro-HipHopper aus Brixton. Der Reimfluß von Sänger Rob Birch ist nach all den Jahren noch so geschmeidig wie ein geölter Aal, die Beats zucken gewohnt abwechslungsreich, mal orientalisch („Gringo“), mal mit Bar-Blues unterlegt („Show Your Light“). Die Antwort, was „Double Bubble“ nicht ist, geben die Stereo MCs dann selbst auf dem Album: “It’s no revolution.”

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She & Him: Volume One (Double Six/Domino/Indigo)

Heimlich, still und leise. In dieser Art und Weise hat die Kinodarstellerin Zooey Deschanel (“Almost Famous”, “The Happening”) neben dem Spiel noch Zeit zum Liederschreiben gefunden, die sie zusammen mit dem Sänger/Gitarristen M. Ward aufgenommen hat. Die beiden lernten sich 2006 bei einem gemeinsamen Soundtrack-Projekt kennen und entwickelten schnell eine musikalische Freundschaft, aus der die Band „She & Him“ entstand. Zehn Lieder hat die Aktrice geschrieben, „You Really Got A Hold On Me“ kommt von Smokey Robinson, „I Should Have Known Better“ von den Beatles. Deschanels warme Harmonie-Stimme, ihre klagenden Texte untermalt Ward mit scheinbar simplen Country-Arrangements, gebettet in Soul und Pop. Noch ein bißchen früh, aber die Platte, um den sich neigenden Sommer zu verabschieden. Daniel-Constantin Schmidt