Geschichte muss Gefühle transportieren

Filme über deutsche Historie wie "Dresden" und "Die Luftbrücke" machen höchst erfolgreich Quote und werden bis Japan exportiert. Dahinter steckt der Fernseh-Produzent Nico Hofmann. Demnächst will er einen Film über Helmut Kohl machen.

Als Nico Hofmann 1985 „Der Krieg meines Vaters“ drehte, war die deutsche Vergangenheit kein Filmthema. Zwei Jahrzehnte später sind „Nicht alle waren Mörder“, „Dresden“, „Luftbrücke“ und „Stauffenberg“ Renner – und alle stammen von dem 46jährigen. Mit Hanns-Georg Rodek sucht der teamworx-Produzent die Gründe seiner Besessenheit in der Familiengeschichte und spricht über drei neue historische Projekte: „Generation 21“, „Flucht und Vertreibung“ sowie „Helmut Kohl“.

WELT.de: Wie geht es der „Generation 21“?
Nico Hofmann: Das ist im Moment mein größtes Projekt. Ich schreibe mit Stefan Kolditz ein Drehbuch: fünf Biografien aus dem Jahrgang 1921, eine Art deutsches „Band of Brothers“, erzählt in drei Neunzigminütern. Das Problem ist, dass wir keine Heldenfiguren haben wie Spielberg, dessen US-Soldaten Europa befreiten. Aber wir wollen die Lebensläufe dieser Väter und Mütter noch einmal so präzise wie möglich erzählen, solange diese Generation noch am Leben ist. Ich habe auch die komplette Geschichte meines eigenen Vaters verarbeitet, mit seiner sozialdemokratischen Herkunft, Russlandfeldzug, Wiederaufbau. Mein großes Vorbild ist aber nicht primär Spielberg, sondern sind Axel Corti und Georg Stefan Troller mit ihrer Trilogie „Welcome to Vienna“. Das war für mich an der Filmhochschule ein epochales Seherlebnis.


WELT.de: Sie haben mit Anfang 20 Ihren Vater gebeten, Ihnen einen Brief über seine Jugend zu schreiben, daraus wurde Ihr erster Spielfilm „Der Krieg meines Vaters“.
Hofmann: Mein Großvater war ein verfolgter Sozialdemokrat, und dieser erste Film handelte von der moralischen Schwierigkeit meines Vaters, sich zur Wehrmacht einberufen zu lassen. Man sieht im Film sogar seine Original-Tagebücher. Auslöser war damals die Pershing-Debatte, und deshalb drehte der komplette Jahrgang der Münchner Hochschule 1984 Filme zum Thema „Krieg und Frieden“.


WELT.de: Ich kenne auch keinen früheren Film, wo der Regisseur seinen Vater über seine NS-Zeit befragt.
Hofmann: Es war eine Art Dammbruch. Mich hat unheimlich interessiert, wie sich die Lebensläufe meiner Eltern durch den Zusammenbruch geändert haben. Mein Vater kam als Pazifist zurück, und das hat ihn bis ins Private geprägt. Ich bin z.B. extrem konfliktgesteuert, suche die Auseinandersetzung – mein Vater ist das komplette Gegenteil. Meine Mutter wiederum hat eine gewisse Grundtraurigkeit über den Verlust ihrer Kindheit. Sie war treue BDM-Anhängerin und hat Jahre gebraucht, um zu begreifen, wer Hitler war und dass es ihn nicht mehr gab.


WELT.de: Ihr zweiter Film „Krieg der Väter, Krieg der Söhne“ war eine Art vorweggenommener „Schindlers Liste“, nur ohne Liste: Ein Jungunternehmer stellt mit KZ-Arbeitern Rüstungsgüter her, rettet am Kriegsende statt der Häftlinge den Maschinenpark – und wird ein Vater des Wirtschaftswunders.
Hofmann: Die Inspirationen dazu waren Bernt Engelmanns „Großes Bundesverdienstkreuz“, das Karrieren der Nachkriegszeit schildert, und die Geschichte von Konsul Ries, der die Pegulan-Werke in Frankenthal gründete – mit Kautschuk, den er per Verwundetentransport vom Polen in den Westen schaffte. Mein eindrücklichstes Erlebnis war die Filmaufführung in Yad Vashem vor Juden, die den Holocaust überlebten, deren Söhnen und Enkeln. Das hat eine generations- und länderübergreifende Diskussion ausgelöst, und ich habe an der Jerusalem Film School für das Goethe-Institut unterrichtet, um das Thema zu vertiefen.


WELT.de: Nun ernteten diese frühen Geschichtsfilme zwar Kritikerlob, aber wenig Beachtung vom Publikum. Zwei Jahrzehnte später ist es gerade umgekehrt. Warum?
Hofmann: Für mich persönlich ist es eine absolut unerklärliche Folgewirkung meines Tuns von vor 20 Jahren. Mich treibt der Wunsch, mit genau diesen Geschichten ein großes Publikum zu fangen. Vielleicht bin ich Leidtragender meiner Erfolglosigkeit von damals.


WELT.de: „Generation 21“ macht weiter, wo „Dresden“ aufhörte?
Hofmann: Das wichtigste Bild in „Dresden“ war für mich, wenn die Menschen aus den Bombenkellern herauskamen – und überhaupt nichts mehr da war. Die Apokalypse. Man hatte alles verloren – materiell, moralisch, politisch – und baute vom Nullpunkt auf. Das halte ich für eine unvorstellbare Lebensaufgabe.


WELT.de: Wollen das Zuschauer sehen?
Hofmann: Bei „Dresden“ jedenfalls saß die komplette Familie vor dem Bildschirm, von der Oma bis zur Enkelin. Der Film hat bei zwölf Millionen Familien zu einer generationsübergreifenden, hoch emotionalen Diskussion über das Erlebnis Krieg geführt. Ein Kritiker hat sogar die These vertreten, die reinigende Wirkung von „Dresden“ sei eine Vorstufe zum entspannten Patriotismus der Fußball-WM gewesen. Meine Wirtin im „Hotel Adler“ in Asperg stand heulend am Frühstückstisch und hat erzählt, was der Film am Abend vorher in ihrer Familie ausgelöst hat. Das sind Momente, die einen glücklich machen.


WELT.de: Wie grenzt sich Nico Hofmann gegen Guido Knopp ab?
Hofmann: Der größte Unterschied liegt darin, dass ich mich dem Stoff sehr emotional annähere. Knopp dreht im wesentlichen Interviewfilme, angereichert mit Dokumentarmaterial und Nachgespieltem. Wo ich mich mit ihm treffe, ist die grundsätzliche Emotionalisierung des Materials.


WELT.de: Und, wie in „Sturmflut“ und „Luftbrücke“ und „Tunnel“, stets das gleiche Grundmuster: eine Frau zwischen zwei Männern plus ein historisches Ereignis.
Hofmann: So einfach ist das nicht. Die „Luftbrücke“ erzählt im ersten Teil eine politische, eine dokumentarische und eine komplette Ebene der kleinen Leute in Berlin. Das liegt für ein Privatsenderpublikum an der oberen Grenze der intellektuellen Wahrnehmungsfähigkeit. Das Wichtige an „Dresden“ ist die Utopie der Liebesbeziehung zu dem britischen Piloten, ohne die der Film davon gehandelt hätte, dass böse Engländer permanent Bomben auf gute Deutsche werfen. Wir wären im tiefsten Revanchismus gelandet.


WELT.de: Nun hört man von der TV-Messe Mipcom die Erfolge: „Dresden“ in 68 Länder verkauft, „Stauffenberg“ in 82. Und fragt sich, warum das Ausland plötzlich Filme über Deutsche kauft, die im selbst ausgelösten Krieg leiden.
Hofmann: „Dresden“ wird vor allem in Ländern mit eigenem Kriegserlebnis gekauft, z.B. für die Prime time in Spanien, England oder das Kino in Japan. „Dresden“ kommt mit einem universalen Thema daher: Wie hat sich der Zweite Weltkrieg angefühlt? Dazu gibt es im TV-Bereich kaum Produktionen aus den letzten 15 Jahren.


WELT.de: Aber früher haben wir deutsche Kriegsgeschichten vom Ausland erzählen lassen, und nun verkaufen wir sie dorthin.
Hofmann: Das ist möglich, weil die Filme nicht nur den deutschen Blickwinkel befriedigen. In „Dresden“ ist die englische Seite sogar auf Englisch gedreht worden. Ich selbst habe durchgesetzt, dass diese Passagen für die ZDF-Ausstrahlung deutsch synchronisiert wurden. Das war ein Riesenstreit mit dem Regisseur Roland Suso Richter, der aus Gründen der Authentizität Untertitel wollte. Außerdem verkauft man die Filme im Ausland anders. Die „Luftbrücke“ war dort „Der Große Kampf um die Freiheit Berlins“. Berlin ist immer ein Mythosthema.


WELT.de: Wäre „Dresden“ vor 20 Jahren so erzählbar gewesen?
Hofmann: Jeder Sender hätte mich für verrückt erklärt. Die Öffentlich-Rechtlichen sehen nicht nur die Quote, sondern auch die moralische Haltung. Z.B. hatte ich gerade die Abnahme von „Flucht und Vertreibung“. Wir haben über eine Stunde diskutiert, wie ausführlich man das Grauen der Flucht zeigen kann, ohne Applaus von der falschen Seite herauszufordern. So war das auch bei „Dresden“. Stellen Sie sich vor, die NPD im Sächsischen Landtag hätte sich hinter den Film gestellt.


WELT.de: Der Zweite Weltkrieg in ist filmisch ziemlich ausgereizt, historische Themen an sich aber nicht. Geht es nun weiter ins Vorgestern oder näher ans Heute?
Hofmann: Der Weg kann nur Richtung Gegenwart führen. Wir bereiten gerade „Helmut Kohl“ vor. Dazu hat Thomas Schadt ihn insgesamt 34 Stunden interviewt, und für einen 100-Minuten-Film verdichten wir diese Episoden, von seiner Jugend bis zum Mauerfall.


WELT.de: Ist Ihre Regisseurskarriere wirklich endgültig beendet?
Hofmann: Ich denke ja. Aber als Produzent sucht man den Regisseur, der die größte Deckungsgleiche mit dem eigenen Geschmack aufweist. Und der heißt Roland Suso Richter. Wir sind in vielem komplett identisch. Außerdem bin ich der Meinung, dass Produzieren eine zutiefst kreative Angelegenheit ist. Bei „Dresden“ habe ich lange mit Richter diskutiert, ob wir im Hauptabendprogramm 40 Minuten ununterbrochene Kriegshandlung zumuten können. Er hat sich durchgesetzt – und Recht behalten, denn wir haben keinen einzigen Zuschauer verloren.

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