Rosenstolz im Interview

"Wir wollen einfach Mut machen"

Ihr letztes Album "Das Große Leben" knackte trotz Musikabsatz-Krise die Millionen-Marke. Jetzt kommt vom Berliner Duo Rosenstolz das neue Werk "Die Suche geht weiter". Mit Morgenpost Online sprechen AnNa R. und Peter Plate darüber, welche Musik für Krisen besonders geeignet ist, wie man sich als Millionär fühlt und warum eine Trilogie nicht mit drei CDs beendet sein muss.

Morgenpost Online: Früher kaufte man bei Lebenskrisen Psycho-Ratgeber. Heute greift man lieber hunderttausendfach zu Rosenstolz-Platten. Sind Sie in Wahrheit Musiktherapeuten?

Peter Plate: Jeder Musiker ist für einen Teil seines Publikums Therapeut. Ich bekomme natürlich mit, dass unsere Musik für manche Leute therapeutischen Charakter hat. Als solche intendiert ist sie aber nur insofern, als dass sie Mut machen soll. Wenn ich eine Krise habe, lege ich mir jedenfalls keine Rosenstolz-Platte auf.

Morgenpost Online: Sondern?

Peter Plate: Wenn es richtig schlimm ist, wird Abba rausgekramt. Etwas, das ich aus meiner Kindheit kenne und das mich wie eine wohlige Decke umgibt. Fallenlassen funktioniert bei mir am besten bei französischen Künstlern wie Keren Ann.

AnNa R: Bei mir sind es Leonard Cohen und Tom Waits. Also Musik, die mich nicht noch weiter runterzieht. Mehr als glücklich machen kann Musik ohnehin nicht. Wenn unsere Musik noch den Mehrwert hat, dass sie Leuten durch Krisen hilft, finde ich das nicht verwerflich. Natürlich sind wir nicht die einzige Band, bei der das funktioniert.

Morgenpost Online: Aber Sie haben den Aspekt perfektioniert. Ist Emotionalisieren und Mutmachen Ihre Arbeitsmaxime?

AnNa R: Es ist eher eine Lebensmaxime. Emotional sind wir beide in der Tat. Und Mut machen muss man sich schließlich ab und zu immer wieder selbst.

Morgenpost Online: Selbst wenn man Multimillionär ist?

AnNa R: Wir sind keine Multimillionäre.

Morgenpost Online: Immer noch nicht? Nach einer Million verkaufter "Das Große Leben"-Alben?

AnNa R: Der Erlös der Million verkaufter Alben geht ja nicht direkt en bloc aufs Konto. Aber wir müssen ja auch nicht über Geld reden.

Morgenpost Online: Wir müssen nicht über Geld reden, aber Geld macht vieles einfacher.

AnNa R: Na klar! Und deswegen sind Millionäre und Milliardäre alle furchtbar glücklich und emotional total stabil? Was hat Geld mit einem ausgewogenen Seelenleben zu tun?

Peter Plate: Ich kann als Zwischenstand mitteilen, dass weder Geld noch Ruhm glücklich macht. Ich bin leider nicht glücklicher als vor zehn Jahren. Geld zu haben ist seltsam, weil man daraus praktisch keine Energie ziehen kann. Weder AnNa noch ich besitzen Yachten und Häuser am Mittelmeer. AnNa kann immerhin inzwischen Autofahren, ich besitze nicht mal einen Führerschein.

Morgenpost Online: Dafür aber ein schönes Photoshop-Programm, mit dem Sie das Porträt-Cover des neuen Albums ordentlich bearbeitet haben. Macht Ihnen die Vergänglichkeit trotz der Thematisierung des Todes auf "Die Suche geht weiter" zu schaffen?

AnNa R: Wenn wir 80 sind, soll man unsere Falten natürlich schon sehen können. Aber mit knapp 40 und im Kontext des Pop finde ich das schon legitim. Selbst Angela Merkel ließ sich zum letzten Wahlkampf photoshoppen.

Morgenpost Online: Hat Sie das wählenswerter gemacht?

Peter Plate: Für mich nicht. Wenn Sie das Cover genau betrachten, steckt auch eine Nacktheit darin, die etwas mit dem Anfang und dem Ende des Lebens zu tun hat. Aber ich würde das trotzdem nicht überhöhen. Letztlich machen wir nur Musik.

Morgenpost Online: Die vielen Leuten aber offensichtlich etwas bedeutet.

AnNa R: Wir sind aber keine Hirnchirurgen und haben auch nicht die Ärzte ohne Grenzen gegründet, was viel mehr Bedeutung und eine größere Wichtigkeit besitzt. Unterhaltung ist zwar für viele Leute wichtig, aber die Menschheit würde nicht darben, wenn es Rosenstolz nicht gäbe.

Morgenpost Online: Das neu Album "Die Suche geht weiter" wirkt nach "Herz" und "Das Große Leben" wie der dritte Teil einer Alben-Trilogie. Haben Sie sich schon Gedanken gemacht, was danach kommt?

Peter Plate: Es ist schön, dass Sie das sagen, denn ich empfinde das neue Album nämlich genauso. Für mich gibt es zwei Rosenstolz-Phasen. Die erste Phase war mit "Macht Liebe" beendet und die zweite begann mit "Herz". Damals hatte uns die Plattenfirma schon abgeschrieben, weil man dort dachte, dass wir unseren Zenith inzwischen längst überschritten hatten. Tatsächlich ging es danach aber doch noch viel weiter. Ob nach diesem neuen Album eine dritte Karriere-Phase für uns anfängt, kann ich Ihnen im nächsten September sagen.

AnNa R: Douglas Adams hat seine Trilogie "Per Anhalter durch die Galaxis" auch auf fünf Bände ausgeweitet. Insofern ist mit Trilogien alles möglich.

Morgenpost Online: Rosenstolz, der Schwule und die Hetera, das war lange Zeit ein Pop-Politikum in Deutschland. Wird man mit zunehmendem Erfolg als unpolitisch betrachtet?

Peter Plate: Es ist für alle vorteilhaft, wenn es einfach egal wird, ob ein Popmusiker schwul ist oder nicht. Die politische Aussage relativiert sich scheinbar aber tatsächlich mit zunehmendem Erfolg, auch wenn der Umstand von uns nicht intendiert wird. Als der Papst zur gleichen Zeit wie wir in Regensburg gastierte und gegen Homoehe und Kondome polemisierte, verließ ein Teil des Publikums unser Konzert. Weil ich auch der Bühne gegen die Papst-Aussagen Stellung bezogen hatte.

Morgenpost Online: Waren Sie über diese Reaktion schockiert?

AnNa R: Nein, wir waren nach diesem Vorfall eher darüber erstaunt, dass scheinbar erzkonservative Leute unsere Musik hören und offensichtlich nicht mal richtig hinhören. Wir wollten nie schockieren, aber wenn jemand von dem, für das wir stehen, schockiert ist, hat er es verdient, schockiert zu sein.

Morgenpost Online: Wonach suchen Sie, gemäß Ihrem neuen Albumtitel "Die Suche geht weiter" eigentlich?

Peter Plate: Nach dem ultimativen Zustand, nach dem jeder Mensch sucht, nämlich Glücklichsein. Den kann man, wie gesagt, mit Geld nicht kaufen. Aber AnNa und ich sind mit diesem komischen Ding Rosenstolz zumindest ziemlich glücklich.

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