50 Jahre Philharmonie

Nach dem Konzert geht es direkt ins Künstlerzimmer

Brigitte Röttger gehört zu den wenigen verbliebenen Langzeitabonnenten, die den Berliner Philharmonikern die Treue halten. Bereits seit 50 Jahren hat die Familie einen Stammplatz.

Foto: Krauthoefer

Die Philharmonie – am Abend ist sie Brigitte Röttgers zweites Zuhause. Die Apothekerin, Jahrgang 1939, hat ihren festen Stammsitz dort: Platz 5, Reihe 6, Block B. Schon seit fünfzig Jahren. Genauer gesagt: seit es die Philharmonie von Hans Scharoun gibt.

Röttger gehört zu den wenigen verbliebenen Langzeitabonnenten, die den Berliner Philharmonikern schon seit Ende des Zweiten Weltkriegs die Treue halten. Ihr Vater hatte die kleine Brigitte einst an die Hand genommen, ging mit ihr in die Konzerte im Steglitzer Titania-Palast, der ersten Philharmoniker-Spielstätte nach dem Krieg.

Sie hörte Sergiu Celibidache, Wilhelm Furtwängler, all die großen Dirigenten. Wanderte mit, als sich die Philharmoniker in der Musikhochschule am Steinplatz niederließen, der heutigen Universität der Künste.

Nach Karajan kam Röttgers liebster Dirigent

Gut erinnert sie sich an jenen jungen Mann aus Aachen, den Dirigenten mit dem verwegenen Hahnenkamm und den flotten Tempi. „An Herbert von Karajan mussten wir uns erst mal gewöhnen“, gesteht sie. Zeit genug hatte sie dafür. Karajan blieb insgesamt 34 Jahre. Brigitte Röttger folgte ihm, als er 1963 in die neu erbaute Philharmonie zog. Das Abonnement ihrer Eltern ging später auf sie über. Sie erbte es sozusagen.

Nach Karajans Rückzug im Jahre 1989 kam Röttgers liebster Chefdirigent. „Abbado ist mein Freund“, schwärmt sie, „den mag ich sehr.“ Sie lobt seine feine, nette Art, das Orchester zu leiten. Die Gastauftritte in Berlin, die Claudio Abbado heute noch hat, einmal pro Jahr – sie sind ihr heilig. Die Karten sichert sie sich lange im Voraus. Leider sind sie nicht Teil ihres Abonnements. Und Sir Simon Rattle? „Ein sehr interessanter Dirigent. Macht viele Experimente, hat schöne Ideen.“ Was sie allerdings etwas stört: „Für meinen Geschmack steht zu viel Lutoslawski auf den Programmen.“

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Neue Musik in der Philharmonie – für Brigitte Röttger bedeutet das vor allem ein notwendiges Übel. Da heißt es dann tapfer sein und durchhalten. Wenn allerdings Anne Sophie Mutter modernes Repertoire spielt, ist sie hingerissen. Selbst wenn es Witold Lutoslawski ist. Neulich, beim Eröffnungskonzert des Berliner Musikfestes, da war das so. Frau Röttger stattete Anne-Sophie Mutter hinterher noch einen Besuch im Künstlerzimmer ab. Bedankte sich herzlich. Natürlich kennt sie die Geigerin schon seit Anbeginn ihrer Karriere – seit den 70ern, als Karajan das Wunderkind entdeckte.

Ältere Damen mit ekligem Parfüm

Damals wie heute nimmt Brigitte Röttger am häufigsten ihren Mann mit in die Philharmonie. Und es ist schon bemerkenswert: In all den Jahrzehnten hatte das Paar nur ein einziges Mal das Gefühl, seine Stammplätze in Block B wechseln zu müssen. „Da saßen mal zwei ältere Damen vor uns, das waren vermutlich ebenfalls Abonnentinnen“, erinnert sich Röttger. „Die hatten so ein ekliges Parfüm, dass mein Mann irgendwann sagte: Das halt ich nicht mehr aus. Nächstes Mal nehmen wir eine andere Reihe.“ Beim folgenden Konzert hatte sich das Problem dann allerdings von selbst gelöst. Die zwei älteren Damen waren verschwunden.

Früh kümmerte sich Brigitte Röttger darum, auch ihrer Tochter Nicola die Philharmonie schmackhaft zu machen. „Das Gehör sollte schon im Kindesalter durch Konzertbesuche geschult werden, dann wird die Begeisterung für die Klassik später umso größer sein“, meint sie. Als Erwachsene teilt Tochter Nicola Röttger, ebenfalls Apothekerin, die Philharmonie-Begeisterung ihrer Mutter. Seit einiger Zeit besitzt sie ein Abonnement für den Philharmonischen Salon am Sonntagnachmittag.

Auch unter der Woche kann man Nicola Röttger in der Philharmonie antreffen – wenn ihre Mutter sie einlädt. Und das kommt gar nicht so selten vor. Denn Brigitte Röttger beschränkt ihre Besuche keineswegs nur auf die Philharmoniker. Gerne hört sie auch Auftritte anderer Orchester, mag ebenso Kammermusikabende.

Enkelin soll Zugang zu klassischer Musik erhalten

Brigitte Röttgers letztes Konzert war erst vor ganz kurzem: Carl Orffs „Carmina Burana“, gespielt von den Berliner Symphonikern. Allerdings hatte sie nicht ihre Tochter an der Seite, sondern Enkelin Rosalie. Für die Siebenjährige war es das erste richtige Philharmonie-Konzert in ihrem Leben. „Rosalie hat ganz laut Bravo gerufen, genauso wie die Erwachsenen“, erzählt Brigitte Röttger gerührt.

Sie wacht nun darüber, dass ihre Enkelin einen möglichst guten Zugang zur Klassischen Musik bekommt – ähnlich wie zuvor ihre Tochter und einst sie selbst von ihren Eltern. Dazu gehört auch der regelmäßige Klavierunterricht, eine Beschäftigung, die Brigitte Röttger selbst mindestens ebenso lange pflegt wie ihre Konzertgänge.

Noch heute nimmt sie einmal in der Woche Unterricht. Bei Markus Wenz, einem Pianisten, der auch an der Hanns-Eisler-Musikhochschule lehrt. Um 8 Uhr morgens nimmt sie die Klavierstunde, anschließend fährt sie in ihre Apotheke.

Lieber zur Philharmonie als CD-Musik hören

Ein „strammes Tagesprogramm“, das gibt sie selbst zu. Gerade hat Brigitte Röttger George Gershwins „Rhapsody in Blue“ begonnen. „Da gibt es ganz schön viele Vorzeichen“, stöhnt sie. Die kürzeren Stücke von Scriabin, die sie davor gespielt hat, fand sie deutlich einfacher.

Röttgers Lieblingskomponist heißt Ludwig van Beethoven. Ihn hat sie in den legendären Konzerten von Furtwängler lieben und schätzen gelernt. Auch wenn Brigitte Röttger über eine beachtliche CD-Sammlung verfügt – daheim hört sie kaum noch klassische Musik. Stattdessen geht sie lieber einmal mehr in die Philharmonie.