Kommentar

Die Musik hört nicht auf

Die Geisterkonzerte waren ein herausragendes Signal, findet Felix Müller: Die Kraft der Kunst übersteht auch Krisen.

"Carmen", aufgeführt in der leeren Staatsoper.

"Carmen", aufgeführt in der leeren Staatsoper.

Foto: Peter Adamik / Reto Klar

Ein bisschen gespenstisch wirkte es ja schon, was sich da am Donnerstagabend in der Philharmonie abspielte. Unter Anleitung von Simon Rattle spielten die Philharmoniker Luciano Bériok und Béla Bartok – vor gähnend leeren Saalterrassen. Fast zeitgleich fand in der Staatsoper eine von Daniel Barenboim geleitete „Carmen“-Aufführung statt, ebenfalls unter Ausschluss der Öffentlichkeit – jedenfalls der unmittelbaren, denn die beiden Aufführungen konnten live im Netz gestreamt werden. So auch zum Beispiel in der Hamburger Elbphilharmonie, wo James Blunt vor verwaisten Rängen auftrat. Das Angebot wurde angenommen: Allein der „Carmen“- Stream wurde 170.000-mal angesehen, überall auf der Welt.

Von der Corona-Pandemie werden alle gesellschaftlichen Bereiche hart getroffen, auch der Kulturbetrieb mit seinem hohen Anteil an Freiberuflern, die sich jetzt Sorgen um ihre Existenz machen müssen. Für sie wird die Politik schnelle, unkomplizierte Hilfestellungen finden müssen. In Berlin sieht sich ein ganzes kreatives Biotop bedroht: die freie Szene mit ihrer unüberschaubaren Vielfalt aus kleinen Galerien, Studios, Projekträumen, Ateliers und Bühnen.

Die im Internet gestreamten Konzerte waren vor diesem Hintergrund nicht nur wegen der geisterhaften Kulisse bemerkenswert. Sie waren es auch aus zwei weiteren Gründen. Zum einen, weil sie symbolisch für die scheinbar paradoxe Situation standen, in der wir uns in der Zeit der Pandemie befinden werden: besonders solidarisch und fürsorglich sein zu müssen, aber im Abstand zueinander. Und zum anderen, weil sie ein optimistisch stimmendes Signal dafür setzten, dass die menschenverbindende Kraft der Kunst auch die schlimmsten Krisen übersteht. Das gesellschaftliche Leben mag sich nun für Wochen grundlegend verändern. Aber die Musik wird nicht verstummen.