Kommentar

Heer der Chancenlosen, Sprachlosigkeit der Macht

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Ob in Norwegen ein Killer wütet, in der Südsee ein Taifun oder in England der Mob - das deutsche Expertenwesen ist immer im Bild. Aufruhr wie in Großbritannien könne bei uns nicht passieren, da sind sich CSU-Minister, SPD-Innenexperte und Jugendforscher einig. So selbstgewiss waren die Mächtigen 1967 auch. Geht uns doch gold.

Angeblich leben wir in einer Wissensgesellschaft. Richtig ist: Wir leben in einer Ära von Zufällen und Ahnungslosigkeit, wie die Rettungsversuche bei Banken, Euro und Haushalten beweisen. So verhält es sich auch mit der Jugend und ihren Verstehern. Was wissen wir? Nicht viel. Außer, dass junge Männer die Gewaltbereitesten jeder Gesellschaft sind. Und dass Auslöser sehr verschieden sein können. Eine junge vernetzte Generation jagte die Regimes in Tunesien, Ägypten und anderswo aus ihren Palästen. Ein entfesselter Mob brandschatze sich über die britische Insel. Die einen hatten ihre Aufstiegsfantasien noch vor, die anderen bereits hinter sich. Am Ende ist es der gleiche globale Nachwuchs, der die gleiche Musik hört, die gleichen Comedy-Stars belacht, die gleichen Träume, Flausen und Thrills hat.

Mögen Stimmungen und Motive regional völlig andere sein, so gilt überall: Die gefühlte oder reale Kluft zwischen denen da oben und den anderen ist immens. Wenn man an jeder Bushaltestelle die schicken Reklamen sieht, im Fernsehen die Bilder von den Promis im Urlaub und auf den Straßen die glitzernden Karren; wenn man zugleich selbst nicht den Hauch einer Chance hat, auch nur einen Fitzel von diesem Reichtum und Status zu erreichen; und wenn man obendrein nicht viel zu verlieren hat - ja, dann zieht man schon mal los und holt sich, was gerade geht. Oder sorgt zumindest für ein bisschen Schrecken. Mit erwachsener Logik hat das nichts zu tun. Es ist nun mal Kennzeichen der Jugend, immer und überall, sich perspektivlos und verlassen zu fühlen.

Und immer ist Sprachlosigkeit im Spiel. Eine frische Jugendstudie der Friedrich-Ebert-Stiftung ergibt, dass selbst exzellente Schüler nicht verstehen, was die Politik macht, was sie will, wer warum was sagt. Größtes Rätsel für die Jungen: die Wirtschaft und ihre Mechanismen. Einigen durchgeföhnten Vorzeigejugendlichen steht ein Heer von Skeptikern gegenüber, die mit großem Interesse nach England schauen und nicht übel Lust hätten, hier auch mal Rabatz zu machen, und sei es nur um der Party willen. Man braucht nicht immer hehre Ziele, um Unmut rauszulassen, wie der 1. Mai und die hirnlosen Kloppereien jedes Wochenende rund um deutsche Fußballstadien zeigen.

Darcus Howe, ein farbiger Schriftsteller aus London, sagte in einem bemerkenswerten Interview mit der BBC, dass er von den Aufständen keineswegs überrascht gewesen sei. Denn: Hätten wir mit unseren Kindern und Enkeln geredet, hätten wir ihnen zugehört, hätten wir spüren können, welche Wut da schlummert. Selbstgerechte Arroganz der Mächtigen ist sicher nicht der einzige Grund und schon gar keine Entschuldigung für Krawalle - eine Bedingung ist sie jedoch immer auch. Auch in Deutschland.