Kommentar

Der schwere Abschied von der Wehrpflicht

Ein Stück bester deutscher Tradition findet heute ihr Ende. Die Wehrpflicht, vor 200 Jahren in den Freiheitskriegen gegen Napoleon begründet und zuletzt 54 Jahre Markenzeichen der Bundeswehr, hat ausgedient.

Geopfert der veränderten Weltlage und dem neuen militärischen Auftrag. Nämlich nicht länger primär eine Streitmacht zur Landesverteidigung zu sein, sondern eine im internationalen Krisen-Einsatz. Weil Wehrpflichtige dafür nicht an die Fronten geschickt wurden, ist die Entscheidung ebenso konsequent wie richtig, die Bundeswehr zu einer reinen Freiwilligenarmee umzubauen. Bis heute haben die letzten "Gezogenen" ihre Uniform abgegeben. Ab heute leisten für Deutschland nur noch Freiwillige militärischen Dienst.

Wer das beklagt wie manche in Angela Merkels CDU und Horst Seehofers CSU mit der Begründung, die Union breche einen weiteren Eckpunkt aus ihrem noch verbliebenen Wertekanon heraus, der lügt sich selbst in die Tasche. Längst ist die Wehrpflicht ausgehöhlt, seit ihre Dauer auf zuletzt sechs Monate eingedampft und militärisch damit nutzlos geworden ist. All dem haben auch die Konservativen im Parlament zugestimmt. Und dass es ausgerechnet ihr kurzfristiger Strahlemann zu Guttenberg war, der als Verteidigungsminister der Realität Rechnung getragen und die Reform an Haupt und Gliedern der Bundeswehr angestoßen hat, scheinen die Nörgler in der Union auch auszublenden. Außerdem, dass zuletzt nur noch 17 Prozent eines Jahrgangs eingezogen wurden und dieser Schnupperdienst nur noch dazu gut war, aus ihm möglichst viele freiwillig Längerdienende zu rekrutieren. Mit dieser bequemen wie preisgünstigen Personalbeschaffung ist es auch vorbei.

Das stellt die Bundeswehr - und natürlich auch die Sozialdienste, die fortan nicht mehr auf Zivildienstleistende bauen können - vor die größte Herausforderung. Sie konkurriert auf dem ohnehin enger werdenden Arbeitsmarkt mit der freien Wirtschaft. Die Bundeswehr wird künftig nicht nur beträchtliche Summen für Werbekampagnen ausgeben müssen. Sie wird auch ihr kämpfendes Personal besser bezahlen müssen als bislang. Nur dann kann die vom neuen Verteidigungsminister Thomas de Maizière angepeilte Mannschaftsstärke von bis zu 185 000 Frauen und Männern annähernd realisiert werden. Diese soll sich aus 170 000 Zeit- und Berufssoldaten sowie mindestens 5000 freiwilligen Wehrdienstleistern zusammensetzen.

Will die Bundeswehr ihren guten Ruf und den international hoch respektierten Ausbildungsstandard halten, muss sie für ihren riskanten Auftrag weiterhin qualifiziertes Personal gewinnen. Deshalb ist das Parlament mit in der Pflicht, dem Minister die Finanzen zuzubilligen, die er für eine verlässliche und zugleich militärisch gut ausgebildete und ausgerüstete Truppe braucht. Das wird tendenziell eher mehr als bislang kosten. Auf keinen Fall darf die Bundeswehr - wie die Freiwilligenarmeen auch mancher unserer Verbündeten - zu einer Unterschichtenarmee oder Kampftruppe von Abenteurern degradiert werden.

Das Ende der Wehrpflicht, so de Maizière, stimme ihn nicht fröhlich. Recht hat er. Aber sie hat sich überholt. Dem ist Rechnung zu tragen.