Kommentar

Auswüchse einer bizarren Macho-Kultur

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Sebastian Jost

Eine ausschweifende Orgie in einer Therme in Budapest - die Sex-Party für die Vertreter der Hamburg-Mannheimer klang wie ein schillernder Einzelfall. Doch mehr und mehr wird klar, dass dort nur die Spitze eines Eisbergs sichtbar wurde: Bordellbesuche und andere sexuelle Vergnügungen auf Firmenkosten sind auch im Jahr 2011 durchaus an der Tagesordnung.

So mancher Manager, der solche Dienste in Anspruch nimmt, scheint daran auch gar nichts Anstößiges zu finden - auch nicht an der bemerkenswerten kriminellen Energie, mit der in vielen Fällen Belege fingiert werden, um das erotische Abenteuer der eigenen Buchhaltung und dem Finanzamt plausibel zu machen.

Damit werden nicht nur die Grenzen der Moral überschritten, sondern auch das Äußerste dessen, was im Interesse des Unternehmens noch zu rechtfertigen wäre. Genehmigen sich Mitarbeiter Erwachsenenvergnügungen auf Firmenkosten, so handelt es sich um eine besonders extreme Form davon, das Unternehmen als Selbstbedienungsladen zu betrachten - und erfüllt damit den Tatbestand der Untreue. Und ein Manager, der einen Auftrag deshalb an einen Geschäftspartner vergibt, weil dieser ihn zum gekauften Sex eingeladen hat, ist nichts anderes als korrupt.

Derzeit gibt es nicht einmal klare Regeln, um zu verhindern, dass solche Ausgaben die Steuerlast des Unternehmens mindern. Allerdings dürfte der Ruf nach strengeren Gesetzen hier müßig sein, weil die Steuerfahnder nie alle Fälle von kaschierten Rotlicht-Rechnungen aufdecken würden. Und weil das Treiben selbst ohne Steuerhinterziehung verwerflich bleibt. Deshalb kommt es letztlich vor allem auf die Unternehmenskultur an.

Dass die Führungsstrukturen in den meisten Unternehmen auch im 21. Jahrhundert noch klar männlich dominiert sind, mag eine Erklärung für sexuelle Exzesse sein - aber keinesfalls eine Rechtfertigung. Sicher, mehr Frauen in Führungspositionen werden in der Praxis dazu führen, dass solche Vergnügungen nicht länger Teil des normalen Firmenlebens sind. Doch selbst von einem rein männlichen Führungsteam muss man erwarten können, derart schändliche Auswüchse einer bizarren Macho-Kultur auszuräumen - weil alles andere dem Unternehmen schadet. Man verschwendet Geld und gefährdet das eigene Image.

Amerikanische Unternehmen sind in dieser Hinsicht schon weiter. Früh haben sie großes Augenmerk auf die "Compliance" gelegt, womit nicht nur die Treue zu Recht und Gesetz, sondern auch zum unternehmenseigenen Wertesystem gemeint ist. Dass es für dieses Wort keine brauchbare deutsche Übersetzung gibt, hat eine gewisse Symbolkraft.

International ausgerichtete Großkonzerne haben angesichts des Sexskandals bei VW oder der Schmiergeldaffäre bei Siemens in den vergangenen Jahren aufgeholt und die Zügel in Sachen Compliance angezogen. Dass Sex auf Firmenkosten immer noch weit verbreitet ist, zeigt allerdings, dass noch weiterer Zug an diesen Zügeln nötig ist. Und dass sich auch so mancher Familienunternehmer oder Mittelständler mehr Gedanken über seine Firmenkultur machen muss - und zwar jenseits reiner Sonntagsreden. Jedem Mitarbeiter muss klar sein: Sex auf Firmenkosten ist kein Kavaliersdelikt, sondern wird im ganzen Unternehmen geächtet.