Kommentar

Superspender gesucht

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Hajo Schumacher

Zu den stabilsten deutschen Vorurteilen gehört, dass das verfügbare Haushaltseinkommen in den USA deutlich höher liege als hierzulande, wegen der niedrigen Steuern. Das stimmt so nicht ganz. Denn eine halbwegs ordentlich verdienende Familie hat einen Kostenposten in der Bilanz, den deutsche Haushalte gar nicht kennen: Spenden.

Spenden für Schule und Universität, nicht nur der Kinder, sondern auch der eigenen Bildungsanstalten von früher, für die Gemeindebibliothek und soziale Projekte im Stadtteil - die nicht immer ganz freiwilligen Geldgeschenke machen rasch zehn Prozent aus. Wer sich drückt, ist gesellschaftlich erledigt. Der Unterschied zu Deutschland: Hier verteilt der Staat; in den USA entscheidet der Spender, wohin das Geld geht. Das Gefühl von Mitgestaltung und Verantwortung dürfte eine Spur ausgeprägter sein.

Vergangene Woche haben 40 der reichsten US-Bürger die amerikanische Spendenmentalität endrucksvoll bewiesen. Die Superreichen haben die Hälfte ihrer Vermögen hergeschenkt. 100 Milliarden Dollar kommen da zusammen, echtes Geld, für Forschung oder Kultur, Afrika oder städtische Gettos, Junge oder Alte. Dass der Unternehmer Theo Albrecht verfügt hätte, einen Teil seiner 16 Milliarden Aldi-Euro zu spenden, ist nicht bekannt, wäre aber nobel gewesen. Auf der Bank nützt der Schatz nahezu niemandem.

Natürlich gibt es reichlich großzügige Reiche in Deutschland, ob Versandhändler Michael Otto oder SAP-Gründer Dietmar Hopp, der Fußball wie Pflegeheim fördert. Vorbildlich auch Hasso Plattner, ebenfalls SAP, der Potsdam für 200 Millionen Euro eine der weltweit besten Schmieden für Software-Ingenieure vermacht hat.

Deutsche Reiche allerdings werden zögern, dem Klub der Superspender beizutreten, für den Bill Gates und Warren Buffett derzeit weltweit nach weiteren Mitgliedern suchen. Reichtum war in Deutschland seit jeher anrüchig, Geld als Selbstzweck viel zu bedeutsam, um einfach nur als Instrument betrachtet zu werden. Es gehört zur deutschen Eigenart, sich selbst als weitgehend mittellos darzustellen, bei allen anderen dafür aber prallvolle Taschen zu vermuten. Spenden geben deutsche Millionäre lieber diskret, weil viele eher giftgrünes Getuschel als Anerkennung erwarten.

Der Anleger-Guru Buffett war es, der erklärte, er wolle sein vieles Geld auf gar keinen Fall seinem Sohn vermachen. Der Spross solle gefälligst selbst sehen, wie er sein Leben bestreite. Ein radikaler, aber nicht unsympathischer Ansatz: Mit dem Tod geht jegliches Vermögen an die Gemeinschaft über, der es ja irgendwann mal auch abgenommen wurde. Die Lebenschancen junger Menschen würden eine Spur gerechter, der Binnenkonsum der Senioren würde gewaltig anziehen, die Spendenfreude steigen, zugleich wäre die Welt von blasierten Erben befreit. Motto: Geld verdirbt den Charakter, also rechtzeitig bis zum Tode weg damit.