Kommentar

Gipfel ohne Weitblick, G8 ohne Zukunft

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Uli Exner

Jetzt sitzen sie in den Ruinen von L'Aquila und ahnen, dass es auch um sie geschehen ist. Ein Weltwirtschaftsgipfel, der ohne China und Indien und noch ein paar andere als gleichberechtigte Partner auszukommen glaubt, hat diesen Titel nicht verdient, ist bloße Reminiszenz, Erinnerung an alte Zeiten.

G 8, das von Helmut Schmidt und Valéry Giscard d'Estaing Mitte der 70er-Jahre ins Leben gerufene Elitetreffen der Nordhalbkugel, hat seine Zukunft hinter sich. Und das - darf man, die Weltwirtschaftskrise vor Augen, hinzufügen - ist gut so.

G 8 hat versagt. Wo, wenn nicht hier, hätten, vielleicht sogar frühzeitig, Regeln, Leitplanken für den schließlich außer Rand und Band geratenen Finanzmarkt zumindest beraten werden können. Wo, wenn nicht hier, hätten mahnende Worte, die es ja gab, auch vor dem Zusammenbruch der Lehman-Bank, Aufmerksamkeit bekommen müssen. Wo, wenn nicht hier, hätte man wenigstens mal nachdenken können über jene Entwicklungen, die uns vor bald einem Jahr so heftig auf die Füße gefallen sind. Hier, bei der Gruppe der sieben bis acht Wirtschaftskraftprotze, hätte man ja doch eine gewisse Expertise vermuten können. Stattdessen saß man noch vor zwei Jahren recht bequem im Strandkorb von Heiligendamm und ließ es sich ziemlich gut gehen. Man trank ja offenbar auch so einiges. Und selbst im vergangenen Jahr, beim Gipfel im japanischen Toyako, findet sich unter dem Tagesordnungspunkt Wirtschaftspolitik das blanke Nichts. Weltwirtschaftstal.

Na, ja. Wir Beobachter waren ja auch nicht schlauer damals. Wir hatten ja auch Ohren und Augen und haben trotzdem nicht allzu lange gefragt nach diesen merkwürdigen Finanzschneebällen, die da über die Erde gerollt wurden. Soll man da dem frisch gewählten Herrn Sarkozy Vorwürfe machen, der in Heiligendamm ganz nebenbei auch noch eine Ehekrise im Endstadium aufzulösen hatte. Also: Vorhang.

Wir schauen nach vorn, überrascht, und sehen ausgerechnet eine in weiter Vergangenheit wurzelnde Instanz, die plötzlich antreibt und fordert. Der Papst fordert von der Politik, von der Weltpolitik, eine Art Weltregierung aufzubauen, mit weitaus mehr Befugnissen als zum Beispiel die UN sie haben. Eine Weltregierung, legitimiert durch ein Weltparlament, das wiederum aus freien und weltweiten Wahlen hervorgegangen ist. Möglich, ja, möglich wäre das mit Fantasie und Willen, denkbar, wünschbar, vielleicht auch machbar in Zeiten, in denen wir so sehr voneinander abhängen wie nie zuvor und auch so frei miteinander kommunizieren können wie nie zuvor, jedenfalls wenn man uns lässt. Eine Utopie, klar, aber irgendwann muss man anfangen.

L'Aquila, Ruinenstadt, Symbolstadt für einen Neubeginn. Man mag das dann G 20 nennen oder W 80, einerlei. Wichtig ist, dass sich Menschen, dass sich Nationen künftig auf Augenhöhe begegnen, friedlich, ein bisschen vorausschauender, sich ihrer gegenseitigen Abhängigkeit und ihrer Verantwortung für den ganzen Erdball bewusst. Dann wäre schon eine Menge gewonnen. Seite 4