Mein Berlin

My Kiez is my Castle - Dorfleben in der Großstadt

Berlin schön und gut – aber der eigentliche Zauber der Stadt entfaltet sich erst in der unmittelbaren Nachbarschaft, meint Nina Paulsen.

Die Kastanienallee in Prenzlauer Berg: Berlin ist eigentlich nur ein großes Millionendorf, meint Nina Paulsen.

Die Kastanienallee in Prenzlauer Berg: Berlin ist eigentlich nur ein großes Millionendorf, meint Nina Paulsen.

Berlin. Immer, wenn ich mit Menschen außerhalb Berlins über Berlin rede, höre ich die gleichen Sätze: „Dass du DA leben kannst! Viel zu groß, zu laut und zu anonym.“ Oder: „Für ein Wochenende ist Berlin ja ganz okay – aber immer da wohnen möchte ich nun wirklich nicht!“ Oder: „Die Stadt ist so hässlich. Nur Baustellen, Straßen und Beton.“ Oder: „Die Berliner sind so unfreundlich. Ich verstehe nicht, wie man sich das tagtäglich antun kann.“ Oder: „Hast du da gar keine Angst, wenn du abends alleine aus dem Haus gehst?“

Zum Glück sind die Leser dieser Kolumne allesamt leidenschaftliche Berliner oder zumindest Berlin-Liebhaber. Deshalb muss ich jetzt gar nicht groß erklären, dass diese Aussagen natürlich ziemlicher Quatsch sind. Vorurteile, die so wahr sind wie die Behauptung, dass einen Apfel zu essen gegen Schokoladenheißhunger hilft.

Was ich niemals sein wollte: eine spießige Zugezogene

Berlin ist zwar die größte und natürlich auch schönste und beste Stadt Deutschlands – aber ich hatte an den allerwenigsten Tagen, die ich nun hier lebe, das Gefühl, mich wirklich in einer Millionenmetropole zu befinden. Nachdem ich die ersten Jahre ein bisschen umhergependelt bin, bin ich seit Anfang 2013 nun sesshaft in Prenzlauer Berg. Mir war das am Anfang etwas peinlich. Nur wenige Wochen vor unserem Umzug hatte Wolfgang Thierse gegen die Schwaben gewettert und gegen spießige Zugezogene, und genau das wollte ich niemals sein: eine spießige Zugezogene.

Und nun ging ich ausgerechnet in den Stadtteil der Oberspießer, der gerade landauf landab durch den Kakao gezogen wurde. Ich hatte wirklich Angst: vor den Lästereien meiner Freunde und vor der Kehrwoche. Allerdings war auch das Unfassbare geschehen: Wir hatten den Zuschlag für unsere Traumwohnung bekommen – und die hätte ich auch genommen, wenn sie am äußersten Zipfel Sibiriens gelegen hätte. Zu diesem Zeitpunkt wäre das wahrscheinlich weniger schlimm gewesen als Prenzlauer Berg.

Im Kiez fühle ich mich mehr wie ein Dorfbewohner

Seit mehr als fünf Jahren jedenfalls lebe ich nun in unserem Kiez. Und fühle mich immer mehr wie ein Dorfbewohner als ein Großstädter. Zahnarzt, Kita, Gemüsemann: alles fußläufig erreichbar. Wenn ich aus dem Haus gehe, sehe ich die immer gleichen Menschen, deren Lebensgeschichte ich sofort nacherzählen kann. Ich kenne meine Nachbarn, den Eisladen mit den leckersten Sorten, weiß, wo man garantiert immer eine freie Tischtennisplatte findet und kann Touristen das Café mit den meisten Sonnenstunden am Nachmittag empfehlen. Die Graffiti an den Hauswänden könnte ich mit geschlossenen Augen nachzeichnen, so oft habe ich sie schon gesehen.

Das Leben hier in meinem kleinen Dorf ist so herrlich überschaubar wie das der Pandabären im Zoo. Mit dem einzigen Unterschied, dass sich im Gegensatz zu Prenzlauer Berg wirklich noch nie ein Politiker abfällig über die Pandas geäußert hat. Müsste ich nicht arbeiten, würde ich unser Viertel wahrscheinlich nie verlassen. My Kiez is my Castle – der Spruch, dass Berlin eigentlich nur ein großes Millionendorf sei, macht jetzt endlich mal Sinn.

Raus nach Brandenburg? Dann lieber Dorfleben in Berlin

Auf der anderen Seite bin ich wirklich froh, nicht tatsächlich auf dem Land zu wohnen, und verstehe nicht, warum so viele Menschen gerade die Stadt verlassen, um zum Beispiel nach Brandenburg zu ziehen. Um irgendwo ein verfallenes Haus zu renovieren. Um Hecken zu stutzen und Rosenbüsche zu säen. Oder um Instagram-Bilder von grünen Wiesen und Kühen zu posten.

Also, ich weiß nicht: Güllegeruch den ganzen Tag, Landarztmangel, und der Bus ins nächste Kaff fährt nur drei Mal am Tag. Dann lieber Dorfleben in Berlin – aber mit U- und S-Bahn-Anschluss. So kann man wenigstens mal die Pandas besuchen, wenn einem langweilig ist. Oder in die Szenekieze von Mitte und Neukölln fahren, die mittlerweile einen noch schlechteren Ruf haben als Prenzlauer Berg.

Für ein paar Stunden ist es da ja ganz schön. Aber leben möchte man da nun wirklich nicht!

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