Mein Berlin

Die andere Nina und ihre Suche nach einem Partner

Das Handy von Nina Paulsen steht nicht mehr still – wegen einer anderen Nina Paulsen, die auf einer Datingseite angemeldet ist.

Foto: Owen Humphreys/ Montage: BM / dpa/BM

Berlin. Seit vergangener Woche ist es bei mir ziemlich unruhig. Ständig bekomme ich E-Mails und Nachrichten über soziale Netzwerke. Mein Handy piept und vibriert, was ziemlich nervig ist.

Am liebsten würde ich mein Smartphone zur Adoption freigeben oder es bei voller Fahrt aus dem S-Bahn-Fenster schmeißen. Aber das kann ich nicht. Nicht nur, weil es dann auf eine Weiche fallen und eine wochenlange Sperrung zwischen Ostbahnhof und Friedrichstraße verursachen würde, schließlich sind wir hier in Berlin. Sondern auch, weil ich unfreiwillig plötzlich für das Lebensglück anderer Menschen zuständig bin, genau genommen: für das Lebensglück mehrerer Männer. Und das, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist ein echt verantwortungsvoller Job.

Diese Nina Paulsen wickelt reihenweise Kerle um den Finger

Schuld ist eine Frau, die zufällig den gleichen Namen trägt wie ich. Es gibt da also eine Nina Paulsen, die irgendwo in Deutschland lebt und die offenbar auf der Suche nach der großen Liebe ist. Oder: nach dem großen Spaß. Oder: nach dem großen Geld. Wie auch immer, meine Namensvetterin hat sich bei einer Dating-Seite im Internet angemeldet und wickelt dort reihenweise Kerle um den Finger. Die sie dann aber an der ausgesteckten Hand verhungern lässt. Und sich gar nicht mehr oder nur selten zurückmeldet.

Weil die andere Nina offenbar eine ziemliche Superfrau zu sein scheint, fangen die sehnsüchtigen Männer an, sie zu googeln, um irgendwie mit ihr in Verbindung zu treten. Und landen dann leider bei mir. Was mich eigentlich wundert: Denn die andere Nina und ich haben ungefähr so viel Ähnlichkeit miteinander wie Hellersdorf und Heiligensee.

Ich bin nicht die Nina von der Partnerbörse

Seither befinde ich mich jedenfalls in einer moralischen Zwickmühle. Erst habe ich die Nachrichten und Freundschaftsanfragen ignoriert. Dann fing ich an zu antworten, dass sich die hoffnungsvollen Singles geirrt haben. Und dass ich eben nicht die Nina von der Partnerbörse sei, sondern nur die Nina, die gerade wieder einmal wertvolle Lebenszeit wegen einer verspäteten Tram verloren hat und gleich in Jogginghose zum Späti geht.

Jetzt überlege ich, ob ich den Männern nicht auch noch sagen soll, dass sie nicht allein im Boot sitzen, sondern dass sie nur einer von zumindest mir bekannten drei Dutzend Typen sind, die hinter derselben Frau her sind. Ich vermute mal, es gibt noch deutlich mehr. Ich finde es ja immer besser, mit der Wahrheit konfrontiert zu werden. Alles andere ist Augenwischerei. Wenn ich die Nebenbuhler verschweige, verbeißen sich alle in der Hoffnung auf die große Liebe, die sie vermutlich mit dieser Frau niemals erfahren werden. Danach ist die Enttäuschung dann groß.

Immer reinen Wein einschenken, merk’ dir das, Berlin

Das ist im Grunde so, als würde man zwar kostenfreie Kitaplätze versprechen, aber einfach nicht genug Kitaplätze für alle Kinder anbieten. Oder als würde man nach vielen Jahren teurer Sanierung ein Opernhaus wiedereröffnen, nur, um es kurze Zeit später für eine wochenlange Spielpause zu schließen. Oder als würde man eine Mietpreisbremse einführen, die die Mieten dann aber doch nicht vom weiteren Ansteigen abhält. Deshalb muss man den Leuten immer reinen Wein einschenken – merk’ dir das, Berlin. Weshalb es angebracht wäre, auch den nervigen Singlemännern zu sagen, dass sie ihr Augenmerk lieber auf eine andere Frau richten sollten.

Auf der anderen Seite: Was zur Hölle geht mich das alles eigentlich an? Außerdem hat man ja schon genug eigene Probleme, das Leben ist ebensowenig ein Ponyhof wie Berlin eine funktionierende Stadt. Ich kann mich nicht auch noch um die Liebesangelegenheiten anderer Leute kümmern, ich bin nicht der Dr. Sommer von Prenzlauer Berg. Am besten hoffe ich einfach, dass die andere Nina bald ihren Traumprinzen findet und sich von der Datingseite abmeldet. So lange muss ich das Piepen meines Handys wohl noch ertragen.

Falls es in den nächsten Tagen dann aber doch mal eine S-Bahn-Sperrung gibt, wissen Sie, an wen Sie sich wenden können: An die andere Nina und bloß nicht an mich!

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