Mein Berlin

Kopfüber in Lichtenberg: Ein Test für die Raumfahrt?

Ständig werden in der U-Bahn Probanden für medizinische Studien gesucht. Der Job klingt einfach - kann aber ganz schön hart sein.

Nina Paulsen.

Nina Paulsen.

Foto: Reto Klar

Im Internet bin ich auf eine interessante Anzeige gestoßen: Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt führt eine groß angelegte Bettruhe-Studie durch und sucht dafür Probanden. Die Studie dauert 89 Tage, von denen man stolze 60 Tage im Bett verbringen darf. Für 16.500 Euro Aufwandsentschädigung.

Ich richtete suchend die Augen Richtung Himmel: Waren meine Gebete endlich erhört worden? Im Schlaf Geld verdienen – das ist ja im Grunde ein genauso seriöses Versprechen wie im Schlaf abzunehmen oder binnen sechs Jahren einen neuen Flughafen in Berlin zu bauen. Aber der Mensch hat nun einmal eine Tendenz zur treudoofen Gutgläubigkeit, weshalb ich die Anzeige für die Bettruhe-Studie begeistert weiterlas.

Einziger Haken: In Kopftieflage liegen

Und was soll ich sagen: Die ganze Sache hat – natürlich – einen Haken. Man liegt nämlich auf einem Bett mit Kopftieflage. Soll heißen: Rübe unten, Füße oben, in einer Schräglage von sechs Grad. Klingt erst einmal nicht so viel, könnte aber anstrengend werden – denn im Körper passiert dann offenbar das, was Astronauten in der Schwerelosigkeit passiert: Alles fließt Richtung Kopf. Zumal laut Inserat wirklich ALLES in dieser Position erledigt werden muss: Essen, Duschen, Pipi machen. Und: „Freizeitgestaltung“, wie die Witzbolde vom Raumfahrtzentrum es tatsächlich genannt haben. Also 60 Tage nur Liege-Badminton, Liege-Minigolf und Liege-Bowling, oder was? Außerdem muss man diverse medizinische Eingriffe sowie Fahrten in einer Zentrifuge über sich ergehen lassen.

Am abschreckendsten an der ganzen Sache ist allerdings, dass die Studie in Köln durchgeführt wird. Also, nein danke. Köln ist derart heruntergekommen und hässlich, da will man nicht tot überm Zaun hängen. Oder in Schieflage in einem Bett. Lieber verbringe ich 100 Tage in acht Grad Schräglage in Lichtenberg als auch nur drei Tage bei sechs Grad Neigung in Köln.

Aufwandsentschädigung ist wohl eher Schmerzensgeld

Wahrscheinlich gibt es deshalb eine so wahnsinnig hohe Aufwandsentschädigung: Schmerzensgeld, weil man insgesamt drei Monate in dieser furchtbaren Stadt verbringen muss. Verlegt die Studie doch nach Berlin. Hier wollen so viele hin, dass die Probanden bestimmt noch draufzahlen, damit sie mitmachen dürfen.

Wobei es eigentlich ja sein Gutes hat, dass diese Studie eben in Köln und nicht bei uns durchgeführt wird. Ich glaube, so lange mit Kopf nach unten zu liegen, macht einen irgendwann ziemlich kirre. Ohne jemandem zu Nahe treten zu wollen: Manchmal könnte man den Eindruck gewinnen, dass auch ohne Raumfahrtstudie hier einige Menschen regelmäßig mit der Rübe nach unten hängen.

Extra ausgewiesene Verkaufsflächen für Dealer im Görlitzer Park, teure Sitzbuchten an vierspurigen Hauptverkehrsstraßen mit Lastwagen, Tram- und U-Bahn-Lärm, Zickzack-Radwege... Was immer den Planern dieser Absurditäten zu Kopf gestiegen ist – man sollte dies nicht noch durch eine medizinische Studie befördern.

Angst vor Nebenwirkungen

Ich frage mich ja sowieso immer, was für Menschen bei diesen ganzen medizinischen Studien mitmachen. Die Werbeflächen bei uns in der U-Bahn sind ja voll mit entsprechenden Anzeigen, bei denen Tester für Pillen gesucht werden, die rauchfrei, dünn oder potent machen sollen. In treudoofer Gutgläubigkeit denkt wahrscheinlich jeder zuerst, man würde dabei Geld bekommen allein dafür, eine kleine, harmlos aussehende Tablette zu schlucken. Quasi bezahlt werden fürs Nichtstun.

Ich hätte allerdings viel zu viel Angst, dass bei mir dann eine bisher unbekannte Nebenwirkung auftritt. Dann ist man zwar ein dünner Nichtraucher, doch leider wächst einem ein drittes Ohr im Gesicht. Das wäre dann auch nicht so schön.

Ich bin mal gespannt, wie es am Ende den Probanden der Kölner Bettruhe-Studie geht. Viel Glück, liebe Leute, ich beneide euch nicht. Aber wenn ihr tatsächlich herausfindet, wie das mit dem Liege-Minigolf geht: Sagt gerne Bescheid!