Mein Berlin

Mauswiesel und Rattentempel - ein heiliges Tier für Berlin

In Indien sind die Kühe heilig – und in Berlin? Wir sollten uns auch ein Tier suchen, das wir verehren können, meint Nina Paulsen.

Foto: Reto Klar

Berlin. Ich fuhr mit dem ICE von Hamburg nach Berlin. Es war eine herrlich unaufgeregte Fahrt, der Zug war pünktlich, die Waggons nur mäßig gefüllt und die Raumtemperatur weder zu heiß noch zu kalt – ein Zustand, der bei der Bahn normalerweise so selten ist wie ein freier Sitzplatz im TXL-Bus. Jedenfalls sah ich bei dieser völlig unaufgeregten Fahrt auf das völlig unaufgeregte Brandenburg hinaus, als auf der anderen Seite des Gangs ein Junge im Schulalter seine Kopfhörer abnahm und sich an seinen auf einen Laptop einhackenden Vater wandte. „Du Papa?“, fragte der Junge. „Welche Tiere sind bei uns in Deutschland eigentlich heilig?“ Der Vater hörte umgehend mit seinem Gehacke auf. Und ich hielt gespannt den Atem an.

Ich liebe ja solche Momente. Meine Kinder sind zum Glück noch etwas zu klein, um mir die großen Fragen des Lebens zu stellen. Bislang nur ein einziges Mal brachte mich unser Zweieinhalbjähriger aus dem Konzept, als er mich eines abends beim Zubettgehen fragte: „Mama, wie macht ein Schmetterling?“ Ich war in dieser Situation ziemlich perplex und antwortete etwas derart Dummes, dass ich hoffe, dass er es mittlerweile vergessen hat: „Flapp flapp.“ Also, mit „flapp flapp“ meinte ich an jenem Abend wohl das Geräusch, das ein Schmetterling mit seinen Flügeln macht. Denn ich glaube nicht, dass ein Schmetterling irgendwelche Laute von sich gibt. Wobei ein Schmetterling, dessen Flügel tatsächlich „flapp flapp“ machen, so groß wie eine Boeing 737 sein müsste. Und das ist selbst in Berlin dann doch eher unwahrscheinlich. Glücklicherweise hat mein Sohn davon abgesehen, meine seltsame Antwort noch genauer zu hinterfragen.

Bei Bären rastet Berlin kollektiv aus

Der Vater im ICE war weitaus besonnener. Er lehnte sich zurück, sah erst an die Waggondecke und dann zu seinem Sohn und sagte: „Du, bei uns gibt es so etwas wie heilige Tiere gar nicht. Das ist nicht so wie in Indien mit den Kühen.“ Tja. Der Boden der Tatsachen ist hart und schmucklos. Allerdings hat mich diese Episode dann doch ziemlich beschäftigt. Ich meine: Wäre es nicht schön, wenn wir hier bei uns auch ein paar heilige Tiere hätten? Als heimische Arten kämen zum Beispiel die Bachstelze, der Iltis oder das Mauswiesel in Frage. Man könnte sich verneigen, sobald man zufällig einem Mauswiesel begegnet und sagen: „Hallo, Herr Mauswiesel, wie geht’s uns denn heute?“ Ich stelle mir vor, dass wir Tempel bauen für Mauswiesel und vielleicht in Berlin die Straße des 17. Juni umbenennen in Mauswieselstraße. Wer je einem Mauswiesel etwas zuleide tut, muss drei Jahre lang in der JVA Tegel den Hof fegen.

Wobei sich vor allem bei uns in der Stadt ja der Bär am meisten als heiliges Tier aufdrängt. Abgesehen vom Stadtwappen gibt es da einen ganz merkwürdigen Fetisch, den man als Zugezogener nicht so richtig versteht. In meinen Berliner Jahren habe ich Bekanntschaft mit Yan Yan, Bao Bao, Knut und Schnute gemacht, mit Meng Meng und Jiao Qing und jetzt kürzlich dann auch mit der kleinen Hertha. Egal ob Pandas, Eisbären oder zottelige Braunbären – Berlin rastet kollektiv aus und steht Schlange am Gehege, als würde dort ein wiederauferstandener Elvis fünf Kilo schwere Goldbarren verschenken. Das finde ich schon ziemlich beachtlich.

Den Ratten fehlt es in Berlin an nichts

Vielleicht sollte man auch eine andere Strategie wählen und zum Beispiel das Wildschwein heilig sprechen. Wenn wir ihm einen Altar aus ausgekippten Mülltonnen, altem Obst und toten Borkenkäfern bauen, durchwühlt es vielleicht nicht mehr Reinickendorfer Vorgärten. Oder wir richten nochmal einen Blick nach Indien, wo es ja sogar heilige Rattentempel gibt. Wobei in Berlin sämtliche vermüllte Parks und Spielplätze ja schon wahre Rattentempel sind, insofern glaube ich nicht, dass es der Ratte bei uns an irgendetwas fehlt. Dann plädiere ich doch am ehesten für das Mauswiesel. Weil der Name dieses Tieres einfach so niedlich klingt. Aber hoffentlich fragt mich niemals jemand, welches Geräusch dieses Vieh eigentlich macht.