Mein Berlin

E-Scooter werden in Berlin zum Hassobjekt Nummer eins

Auf den Straßen und Bürgersteigen gehen sich schon jetzt alle auf den Wecker. Nina Paulsen über den bevorstehenden Roller-Koller.

Bald im Straßenverkehr: So funktionieren die E-Scooter

Der Bundesrat stimmte für eine Zulassung der E-Scooter im Straßenverkehr. Vieles muss dabei jedoch beachtet werden. Infos zu dem Thema gibt es im Video.

Bald legal- So funktionieren die E-Scooter

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Berlin. Der Berliner Verkehr ist voller Hass. Autofahrer hassen Radfahrer. Radfahrer hassen Autofahrer. Fußgänger hassen Radfahrer und Autofahrer. Und alle hassen Busse, Lastwagen und Baustellen. So, und jetzt könnte ich eigentlich einen Punkt hinter diesen Text machen und fertig. Immerhin ist alles, was man über den Berliner Verkehr wissen muss, mit diesen Worten gesagt – außer, dass manchmal auch noch alle die S-Bahn hassen.

Das ist wie bei einem Familientreffen an Weihnachten, an dem die Tanten lästern, die Oma mit dem Opa streitet, die Cousine irgendwann heulend mit der Wohnzimmertür knallt, und am Ende der Kartoffelbrei gegen die Wände fliegt. Man würde es vorher gern vermeiden, aber es gibt einfach kein Entkommen. Familien an Feiertagen und der Berliner Verkehr sind sich in diesem Punkt ziemlich ähnlich.

Aktueller E-Scooter-Unfall in Berlin: Fahrer von E-Tretroller bei Unfall schwer verletzt

Jedenfalls glaube ich, dass auf Berlins Straßen und Gehwegen alle ziemlich damit beschäftigt sich, sich gegenseitig auf die Nerven zu fallen. Dazu kommen ja auch noch Hunde, langsam latschende Touristen und immer mehr Lastenfahrräder. Bei uns in Prenzlauer Berg ist alles voll davon. Weil auf den Straßen so viel Kopfsteinpflaster verlegt ist oder dort, wo es richtigen Asphalt gibt, affenartig gerast wird, fahren und parken die Lastenfahrräder auch auf den Bürgersteigen.

In Kombination mit den ganzen Kinderwagen hier ist es schon mal ziemlich eng, und man muss als Fußgänger auf die Straße ausweichen, um weiter voran zu kommen. Es kann sein, dass man dabei aus Versehen von einem Sattelschlepper überfahren wird. Das ist dann auch nicht so schön.

E-Scooter in Berlin: Wie soll das eigentlich noch gehen?

Und bald wird es noch ein bisschen voller. Die Bundesregierung hat eine Verordnung beschlossen, nach der bald elektrische Tretroller durch die Gegend fahren dürfen, vielleicht schon ab diesem Sommer. Mit bis zu zwölf Stundenkilometern auf dem Fußweg und mit bis zu 20 Stundenkilometern auf dem Radweg – und sogar auf der Straße, wenn es keinen Radweg gibt. So zumindest lautet der Plan, der Bundesrat muss noch zustimmen.

Ich finde die Idee eines leichten, umweltschonenden Gefährts in einer ansonsten smogverpesteten Großstadt an sich zwar sehr gut, wichtig und charmant – allerdings frage ich mich auch, wie das in Berlin eigentlich noch alles gehen soll. Ich vermute mal, die Tretroller – E-Scooter genannt – werden in unserer ohnehin schon aufgeheizten Verkehrsgemengelage ziemlich schnell zum Hassobjekt Nummer eins werden. Womöglich noch vor Baustellen und Touristen. Wer weiß.

Hintergrund: Verband warnt vor E-Scootern auf Gehwegen

Vor allem, weil man diese Roller nicht nur kaufen, sondern dann auch leihen kann. Diverse Sharing-Anbieter, die die E-Scooter schon in die USA, nach Schweden und Dänemark gebracht haben, wollen auch in Berlin ein Geschäft machen. Man kann die Roller dann per App ausleihen und nach Gebrauch einfach stehen lassen.

Das ist ein Modell, das schon bei den Leihfahrrädern so gut funktioniert hat wie eine Begrenzung der Mieten: gar nicht. Leihfahrräder hingen in Bäumen. Und schwammen in der Spree. Irgendwann wusste keiner mehr, wie viele Leihfahrräder es in Berlin eigentlich gibt und wer dafür zuständig ist, sie aus dem Gebüsch zu räumen.

Hoffentlich geht Berlin die Sache mit den E-Scootern cleverer an

Ich würde mir wünschen, und das sage ich jetzt einfach einmal, obwohl es bis Weihnachten noch acht Monate hin ist, dass die Stadt die Roller-Sache etwas cleverer angeht. Und vielleicht die Bürgersteige und Radwege so ausbaut, dass man auf egal welchem Gefährt auch immer umweltfreundlich vorankommen kann, ohne sich gegenseitig mächtig auf den Zeiger zu gehen. Oder auch noch von einem Sattelschlepper überfahren zu werden.

Falls nicht, hoffe ich, dass irgendein Start-up kleine Raketenrucksäcke mit Solarantrieb erfindet, mit denen wir einfach über das ganze Verkehrschaos drüber fliegen können. So ein Ding würde ich sofort kaufen. So gelingt garantiert auch die Flucht vom nächsten Feiertags-Familienstreit.

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