Mein Berlin

Junggesellenabschiede sind in Berlin zur Industrie geworden

Wer heiraten will, muss einen Junggesellenabschied über sich ergehen lassen. Berlin übertreibt dabei, meint Nina Paulsen.

Mit Junggesellinnenabschieden ist es heute ein bisschen wie mit Abibällen: Früher war alles einfacher, meint Nina Paulsen.

Mit Junggesellinnenabschieden ist es heute ein bisschen wie mit Abibällen: Früher war alles einfacher, meint Nina Paulsen.

Foto: Reto Klar

Berlin.  Vor einigen Jahren ließ ich mich von Freunden zum Paintball-Spielen überreden. Man steckte mich in einen schwarzen Overall, drückte mir eine martialisch aussehende Waffe mit Farbkugel-Behälter in die Hand und schubste mich in eine abgedunkelte Halle, in der es nach Sägespänen und nasser Katze roch. Ich fühlte mich zuerst ziemlich verwegen und gefährlich – wie eine Mischung aus Wonder Woman und Rambo. Allerdings verflog dieses Gefühl schnell.

Diese Paintball-Gewehre sind unfassbar laut und von so einer blöden Farbkugel getroffen zu werden tut unfassbar weh. Nachdem ich zwei Mal hintereinander beschossen wurde, versteckte ich mich die gesamte restliche Zeit hinter einem Bretterverschlag. An diesem Tag stellte ich fest, dass ich adrenalintechnisch wohl besser für Minigolf geeignet bin.

Mit Junggesellinnenabschieden ist es heute ein bisschen wie mit Abibällen

Warum ich das alles erzähle: Eine Freundin von mir heiratet demnächst und wir überlegen, was wir an ihrem Junggesellinnenabschied machen. Mit Junggesellinnenabschieden ist es heute ein bisschen wie mit Abibällen: Früher war alles einfacher. Man zog sich ein bisschen schicker an als sonst, trank ein bisschen mehr Alkohol als sonst und saß irgendwann erschöpft im Licht der aufgehenden Sonne beisammen, um die guten alten Zeiten zu besingen. Dann erbrach man sich auf den Gehweg und legte sich schlafen.

Heute ist das alles anders. Junggesellenabschiede firmieren unter dem Kürzel JGA, was in der Alltagssprache vieler Mittdreißiger häufiger verwendet wird als USA oder AKK. Ein JGA gleicht einem minutiös durchorganisierten Großevent. WhatsApp-Gruppen werden gebildet, Kosten kalkuliert und die einzelnen Programmpunkte bereits Monate im Voraus gebucht. Wer das einmal mitgemacht hat, könnte auch locker die Planung der Silvesterparty am Brandenburger Tor oder gleich die des BER übernehmen.

In Berlin ist eine JGA-Industrie entstanden

In Berlin hat sich eine regelrechte JGA-Industrie etabliert, die weit über das noch immer unvermeidbare Bierbike hinausgeht. Man kann hier zum Beispiel gemeinsam Panzer fahren. Oder Tontauben schießen. Oder eben Paintball spielen. Weil Paintball an sich noch nicht furchtbar genug ist, wirbt ein JGA-Anbieter damit, dass der Bräutigam oder die Braut in spe dabei in ein Hasenkostüm gesteckt werden. Ich finde es gut, dass bei alldem die Würde der Heiratswilligen gewahrt bleibt. Abends gibt’s dann eine Fahrt im Stretch-Trabi inklusive Strip-Show, wobei ich angesichts der geringen Deckenhöhe eines Trabis nicht genau weiß, ob ich das gruselig oder irgendwie faszinierend finden soll.

JGA-Events: Vom „Pie Battle“ über den „Car Smash“ bis zum „Möbel Crash Event“

Das gleiche gilt für den Programmpunkt „Pie Battle“. Dabei bewirft man sich gegenseitig mit Torten. Und sprüht mit Sahne durch die Gegend. Ich weiß nicht, für wen das demütigender ist: für den Junggesellen oder die ganzen schönen Kalorien. Beim „Car Smash“, noch so ein beliebtes JGA-Event, darf man eine Stunde lang mit Baseballschlägern und Vorschlaghammern auf ein ausrangiertes Auto eindreschen. Das „Möbel Crash Event“ läuft so ähnlich ab – nur, dass man eben arglose Regale und Stühle verkloppt.

Vielleicht sind diese ganzen Gewaltorgien ja gut, damit man später nicht so viel Wut und Ärger mit in die Ehe nimmt. Wobei ein vernünftiges Gespräch auch meistens hilft – und deutlich günstiger ist. Ich wäre stattdessen ja dafür, dass alle genervten Autofahrer eine dieser Aktivitäten absolvieren müssen. Statt Vogel zeigen und Lichthupe ab zum Möbelzertrümmern. Wer sich weigert, muss im Trabi strippen.

Für den JGA unserer Freundin haben wir uns jetzt jedenfalls etwas ganz Besonderes überlegt: Wir fahren mit einem Stretch-Panzer über den Kudamm und bewerfen die Menschen mit Torten und Tontauben. Danach kommt ein Stripper, der den Panzer erst mit Sahne einsprüht und ihn dann mit einem Baseballschläger attackiert. Die Braut muss sich als AKK verkleiden. Am Ende gehen wir alle Minigolf spielen. Einfach toll, diese Junggesellinnenabschiede in Berlin!

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