Mein Berlin

Wenn Zugezogene plötzlich berlinern...

… ...dann ist das meistens peinlich. Was aber, wenn der Dialekt ganz automatisch kommt? Nina Paulsen über einen Schock-Moment.

Ich glaube, irgendwo auf einer Jahrtausende alten, steinernen Tafel in einem Spandauer Keller steht geschrieben, dass das Berlinern nur den wirklich echten Berlinern erlaubt ist, meint Nina Paulsen.

Ich glaube, irgendwo auf einer Jahrtausende alten, steinernen Tafel in einem Spandauer Keller steht geschrieben, dass das Berlinern nur den wirklich echten Berlinern erlaubt ist, meint Nina Paulsen.

Foto: dpa/Reto Klar / BM

Berlin. Es gibt mindestens drei dumme Dinge, die man in Berlin besser nicht tun sollte:

1. Döner essen in der vollen U-Bahn.
2. Abruptes Stehenbleiben am Ende der Rolltreppe.
3. Am späten Sonnabendnachmittag einkaufen gehen.

Letzteres ist mir – und offenbar halb Pankow - am vergangenen Wochenende passiert und ich habe es wirklich bereut. Erbitterte Kämpfe um die letzten Avocados. Ein leergefegtes Brotregal als stehe die Apokalypse bevor. Und eine Schlange an der Kasse, bei deren Anblick ich spontan Lust bekam, mich mit einer Flasche Billigwodka aus dem Spirituosenregal zu betrinken.

Während ich da so stand, dachte ich an all die verschwendete Lebenszeit, die mir beim Warten auf irgendetwas verlorengegangen war. Wenn ich nicht so viel an Supermarktkassen hätte stehen müssen, hätte ich sicher schon die Steuererklärung fertig oder hätte es endlich mal ins Fitnessstudio geschafft. Und die Küche könnte ich endlich streichen, wenn ich nicht ständig Fragen nach der Payback-Karte, den Treuepunkten und einer Bargeldabhebung beantworten müsste.

Wie konnte das denn passieren? Ich hatte aus Versehen berlinert

Es waren solche Dinge, die mir durch den Kopf gingen, als ich endlich mit dem Bezahlen dran war und meine sieben Sachen im Rucksack verstaut hatte. „Schönet Wochenende wünsch’ ick Ihnen!“, rief die Kassiererin mir dann zu. Und ich sagte: „Wünsch’ ick ooch.“ Danach erschrak ich mich, als hätte man mir soeben eröffnet, dass die Erde in Wahrheit eine Scheibe und der Mond ein gigantisch ausgeleuchteter Styroporball der Amerikaner sei: Ich hatte aus Versehen berlinert.

Wie konnte das denn passieren? Ich glaube, irgendwo auf einer Jahrtausende alten, steinernen Tafel in einem Spandauer Keller steht geschrieben, dass das Berlinern nur den wirklich echten Berlinern erlaubt ist – und nicht so einer Zugezogenen wie mir.

Das ist quasi ein Naturgesetz hier in der Stadt, noch unumstößlicher als die Schwerkraft oder die Tatsache, dass der TXL-Bus niemals pünktlich kommt. Aber trotzdem rutschte mir dieses „Wünsch’ ick ooch“ über die Lippen wie ein flutschiges Stück Seife und als es erst einmal draußen war, war ich einigermaßen verwirrt.

Ein Dialekt mit Herz, warm, weich und direkt

Dazu muss ich sagen, dass ich den Berliner Dialekt wunderschön finde. Er ist ein Dialekt mit Herz, warm, weich und direkt. Nicht so verschwurbelt und betulich wie das Bayerische oder Schwäbische. Nicht so albern wie Sächsisch oder Hessisch. Da ist es vielleicht kein Wunder, dass der eine oder andere Ausdruck sich mit der Zeit auch in mein Sprachzentrum eingeschlichen hat. Immerhin lebe ich nun schon zehn Jahre hier, da kann das schon mal passieren.

Wobei man da natürlich höllisch aufpassen muss. Andere Dialekte als den eigenen nachmachen zu wollen, kann eigentlich nur nach hinten losgehen. Bis heute wird ja bei Konversationen jeglicher Art auch gern Horst Schlämmers rheinische Nuschelsprache ausgepackt. Das passiert im Wartezimmer vom Arzt genauso wie beim Geschäftsmeeting. Weisse Bescheid, Schätzelein. Isch hab Rücken. Das ist wirklich gar nicht und überhaupt nicht witzig. Vom Berlinerischen sollte man da dann besser auch die Finger lassen.

„Jo“ kommt im Norden ungefähr so häufig vor wie in Berlin das „Wa“

Mein Heimatdialekt ist ja der norddeutsche, direkt von der schleswig-holsteinischen Waterkant: Wortkargheit gepaart mit Ostseewasser, Flens und Begriffen, die klingen, als hätte ein betrunkener Seemann sie erfunden: Mullewapp, Bangbüx, Schietbüddel. Außerdem kann ein Großteil der Gespräche allein mit dem Wort „Jo“ bestritten werden, was für manche Menschen ein gewichtiger Vorteil sein kann.

„Jo“ kommt im Norden ungefähr so häufig vor wie in Berlin das „Wa“. Wunderschöne Wörter, unschlagbar in Knappheit, Aussagekraft und Präzision. Wenn man so darüber nachdenkt, sind „Wa“ und „Jo“ die Krone sprachlicher Effizienz. Also, ich hoffe, alle echten Berliner verzeihen es mir, wenn ich mich in Extremsituationen mal wieder aus Versehen an ihrer Sprache bediene. Im Gegenzug leihe ich euch auch gern mal ein „Schietbüddel“ aus.

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