Mein Berlin

Hype um Barber Shops: Männer, die auf Spiegel starren

Und plötzlich gibt es an jeder Ecke Barber Shops. Aber was hat es mit den Friseursalons für Herren nur auf sich?

Nina Paulsen schreibt über die in Berlin angesagten Barber Shops.

Nina Paulsen schreibt über die in Berlin angesagten Barber Shops.

Foto: Reto Klar

Berlin. Wenn ich in diesen Tagen durch die Stadt laufe, wundere ich mich etwas über die Berliner Männer. Das habe ich schon sehr lange nicht mehr getan. Wenn man ehrlich ist, hat man mit Mitte 30 auch schon alles gesehen und erlebt und ist nicht mehr so leicht zu irritieren. Gerade scheint aber irgendetwas in Gange zu sein. Eine Entwicklung, bei der ich noch nicht so recht weiß, was davon zu halten ist.

Es fing alles damit an, dass bei mir um die Ecke ein Späti geschlossen hat. Stattdessen ist dort jetzt ein Barber Shop. Etwas später machte nicht weit davon entfernt ein Piercingladen zu. Dort ist jetzt ebenfalls ein Barber Shop. Und auf dem Weg zur U-Bahn, gegenüber vom Bäcker, eröffnete jüngst dann schließlich auch: ein Barber Shop. Also, Friseursalons für Männer, die einen auf Retro machen, 50er-Jahre-Pin-up-Girls an die Wände hängen, klobige Ledersessel aufstellen und alle so ein weiß-rot-blaues Drehdings vorne an ihrer Tür hängen haben, bei dem man erst mal ein bisschen an Rummel und Jahrmarkt denkt. Die Friseure tragen Hemden und Hosenträger und wirken schon ziemlich lässig, während sie ihren Kunden die Bärte einschäumen, die Augenbrauen in Form bringen und Haarmasken auftragen.

Der Hype erinnert mich an diese Bubble-Tea-Läden

Anscheinend war es für die Berliner Männer bislang ganz furchtbar, mit 08/15-Bart und ungezupften Brauen herumzulaufen. Schön, dass endlich mal jemand was dagegen unternimmt. Es könnte aber auch sein wie im Jahr 2012, als plötzlich überall Bubble-Tea-Läden eröffneten: Kein Mensch hatte das eklig-süße Gesöff mit dem Kaloriengehalt einer Tiefkühlpizza vorher vermisst, trotzdem rannten die Leute den Teeverkäufern die Bude ein. Möglicherweise ist es bei den Barber Shops jetzt ähnlich.

Ich habe mich dann aber doch mal ein bisschen im Internet schlaugemacht und auf der Homepage eines Barber Shops in Wedding folgenden bedeutungsschweren Satz gefunden: "Bei uns geht es nicht um Haare, es geht um die Wiederentdeckung der Männlichkeit."

Das überrascht mich jetzt schon ein wenig. Anscheinend haben manche Männer vorher ihre Männlichkeit irgendwo verloren. Vielleicht haben sie sie in der U-Bahn liegen lassen oder auf der Rückbank eines Taxis. Das kann ganz schnell gehen: Schirm, Mantel, Männlichkeit - kaum steigt man mal zu hektisch aus, bleibt direkt was im Wagen zurück. Es ist heute aber auch alles nicht mehr so einfach. Unsere Väter- und Großväter-Generation ließ die Haare am Körper sprießen und die auf dem Kopf ordentlich schneiden. Damit war das Thema dann auch erledigt. Man konnte froh sein, wenn einer noch regelmäßig duschte und vielleicht sogar Deo benutzte.

Männer geht recht häufig zum Friseur

Seit David Beckham vor einigen Jahren den metrosexuellen Mann erfand, wurde auch gecremt, gezupft und epiliert, und es ist ja auch Quatsch, dass diese ganzen unglaublichen Freuden der Körperhygiene allein den Frauen vorbehalten sein sollen. Insofern sind die neuen Barber Shops einfach der nächste Schritt. Quasi das Pendant zum Nagelstudio, denn die gibt's in Berlin ja auch an jeder Ecke.

Laut Statistik gehen Männer übrigens recht häufig zum Friseur: 8,1 Mal waren es durchschnittlich im Jahr 2017. Das schaffe ich nicht mal annähernd, zumal ich Friseurbesuche hasse. Wie man da so sitzt und die ganze Zeit mit dem eigenen Spiegelbild konfrontiert ist. Da entdeckt man plötzlich Falten und Furchen im Gesicht, von denen man dachte, sie würden einen erst in 20 Jahren heimsuchen. Außerdem sieht man in Friseurspiegeln immer irgendwie dicker aus. Das ist alles noch deprimierender, als in Tegel am Gepäckband auf einen nicht kommenden Koffer zu warten - und danach die Schlange am Lost-and-Found-Schalter zu sehen.

Offenbar sind Männer beim Anblick ihres Spiegelbildes etwas hartgesottener, anders kann ich mir den Run auf die Barber Shops nicht erklären. Ich hoffe jedenfalls, die Läden bleiben längerfristig und haben Erfolg. Alles ist besser als Bubble-Tea.

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