Mein Berlin

Wie jede Wohnung garantiert sauber wird

Zu Hause einmal gründlich auszumisten kann sehr befreiend sein. Hier ein Tipp von Nina Paulsen, wenn die nötige Motivation fehlt.

Foto: Reto Klar

Kürzlich wollte ich ein Regal loswerden. Ein weißes von Ikea, Modell Expedit, quadratisch, praktisch und vom Zustand her völlig okay. Fünfmal war das Regal in den vergangenen zwölf Jahren mit mir umgezogen, davon dreimal innerhalb Berlins. Ich mochte dieses Regal, es war ein treuer Begleiter und hatte mir stets gute Dienste erwiesen. Aber jetzt sollte es weg. Manchmal ist das halt so im Leben, dass Altes Platz machen muss für Neues. Auf Winter folgt Frühling. Auf Tegel folgt der BER. Und nach Müdigkeit kommt Wahnsinn. Sie wissen schon: der ganz normale Lauf des Lebens eben.

Allerdings wollte ich es nicht einfach so dem Sperrmüll überlassen. Also wischte ich es noch einmal mit einem weichen Staubtuch liebevoll sauber, machte zwei schicke Fotos und stellte ein Inserat bei Ebay Kleinanzeigen ein: Ikea-Regal weiß, 1,49 x 1,49 Meter, super Zustand – für 20 Euro an Selbstabholer abzugeben. Ich wurde sentimental. Ich fühlte mich, als würde ich einen alten treuen Hund an der Leitplanke der A100 aussetzen. „Es tut mir leid“, flüsterte ich zum Regal. Aber schon nach 30 Sekunden machte mein Rechner „Pling!“. Aha, dachte ich, der erste Interessent.

Da war der Preis wohl etwas zu niedrig angesetzt. „Kann ich das Regal auch für zehn Euro haben?“, schrieb derjenige. Ich war beleidigt. Dann wieder „Pling!“ – jemand hatte eine Frage: „Wie ist die Farbe des Regals?“ Komisch, dass der Typ sich nicht auch noch nach Maßen und Hersteller erkundigt hat, die standen ja auch unübersehbar in der Inseratsüberschrift. Eine Frau namens Julia schrieb danach aber, sie fände das Regal sehr schön und könnte es sogar noch am selben Tag abholen. Das fand ich nett, ich war wieder versöhnt. Okay Julia, schrieb ich. In zwei Stunden wollte sie mit ihrem Freund vorbeikommen.

Es war Sonntag und ich war zu Hause. Outfittechnisch war ich deshalb eher so mittelmäßig aufgestellt mit meiner Jogginghose und den Fellpuschen, außerdem war auf meinem T-Shirt ein Zahnpastafleck. Ich sprang also unter die Dusche und zog mir ordentliche Sachen an. Ich wollte nicht, dass Julia und ihr Freund mich für einen Schlunz hielten. Okay, es schadete auch nicht, die Haare noch einigermaßen ordentlich zu föhnen und sich eben noch die Nägel zu schneiden.

Dann fiel mir auf, dass einige Cornflakes auf dem Küchenfußboden herumlagen, also brachte ich den Staubsauger an den Start. Julia sollte schließlich einen guten Eindruck von meinem gut gepflegten Regal in unserer gut gepflegten Wohnung bekommen. Wo ich schon einmal dabei war, saugte ich dann direkt die ganze Wohnung. Außerdem sah man selbst im grautrüben Vormittagslicht den Kalk auf den Armaturen in der Küchenspüle, weshalb ich noch schnell zum Schwamm griff.

Und wie um alles in der Welt sah das Schuhregal überhaupt aus? Konnte man fremde Leute überhaupt in diese Wohnung lassen? Was sollte Julia nur denken? Nach den Schuhen sortierte ich die Garderobe, schüttelte die Badezimmerteppiche auf dem Balkon aus, wischte den Spiegel mit Glasreiniger, staubte das Sideboard im Wohnzimmer ab, sortierte sämtliche Legosteine und Bauklötze unserer Kinder nach Größe und Farben, legte die Sofawolldecke zusammen, polierte den Couchtisch, stopfte zwei alte offene Dübellöcher in der Wand mit Moltofill, räumte den Geschirrspüler aus und brachte den Müll, einen Stapel alte Zeitungen, die Glasflaschen und endlich den vertrockneten Blumenstrauß nach unten.

Im frisch geputzten Spiegel fiel mir dann auf, wie käsig ich eigentlich aussah. Meine Güte. Also legte ich noch etwas Make-up auf. Dann klingelte es. Julia und ihr Freund. Kurzer Handschlag, direkter Weg ins Arbeitszimmer, Regal rausgetragen und Tschüss. Und ich? Hatte in der ganzen Hektik den Abschiedsschmerz völlig vergessen – und eine blitzsaubere Wohnung. Toll. Nächste Woche verkaufe ich noch ein Regal.