Mein Berlin

Wer snoozt, verpasst den Sound von Berlin!

Plötzlich gehört die Stadt nur dir allein. Früh aufzustehen kann einem einen besonderen Berlin-Moment bescheren, meint Nina Paulsen.

Die frühen Morgenstunden in Berlin haben einen ganz besonderen Zauber, meint Nina Paulsen.

Die frühen Morgenstunden in Berlin haben einen ganz besonderen Zauber, meint Nina Paulsen.

Foto: Reto Klar

Berlin. Manchmal, wenn es morgens draußen noch dunkel ist, schiebe ich die Bett­decke zur Seite und schleiche mich aus unserem Schlafzimmer. Ich muss dann wirklich sehr vorsichtig schleichen, denn wir haben einen Fußboden, der an bestimmten Stellen laut knarzt und knackt. Nur Experten mit jahrelanger Übung wissen, wie und vor allem wo man über diesen Fußboden gehen muss, ohne gleich die Familie aufzuwecken.

Ich fühle mich dann immer ein bisschen wie ein Mitglied der Kino-Diebesbande „Ocean’s Eleven“, das sich durch ein Hochsicherheitssystem aus Laserstrahlen und Bewegungsmeldern zum Tresorraum vorarbeitet: sehr verwegen also. Statt eines 160-Millionen-Dollar-Vermögens wartet in unserer Küche meistens aber nur die verkrustete Auflaufform vom Vorabend.

Das seltene Gefühl, dass die Stadt für einen Moment nur mir allein gehört

Habe ich diese erste Hürde erfolgreich gemeistert, lasse ich mir einen Kaffee einlaufen und schaue aus dem Küchenfenster in unseren Innenhof. Wenn es gut läuft, sind alle anderen Wohnungen ebenso dunkel wie der Himmel und die Nachbarn noch im Bett. Nicht dass es mich wirklich stören würde, wenn sie schon aufgestanden wären. Aber dann wäre es nicht perfekt: Dieses wunderbare und in Berlin so seltene Gefühl, dass die Stadt für einen Moment nur mir allein gehört.

Diese ganz frühen Morgenstunden haben nämlich einen besonderen Zauber. Es herrscht: Stille. Jedenfalls fast.

In der Ferne höre ich die Tram auf der Danziger Straße über die Schienen rattern. Und ein Auto unten über das Kopfsteinpflaster. Eine Taube gurrt in der Kastanie in unserem Innenhof. Irgendwo bellt ein Hund. Es ist, als ob die Großstadt flüstert. Und der Lärm des Alltags hängt als ferne Erinnerung in der kühlen Morgenluft. In diesem Meer aus Ruhe und Dunkelheit sitze ich mit meinem Kaffee an unserem Küchentisch wie ein Schiffbrüchiger, der allein auf einer einsamen Insel gestrandet ist. Wie der Robinson Crusoe von Prenzlauer Berg.

Besessen von der Schlummerfunktion des Weckers

Ich nutze diese Zeit dann zum Nichtstun. Es gibt ja auch Leute, die es machen wie diese ganzen supererfolgreichen Manager, die sich den Wecker auf 4.30 Uhr stellen. Damit sie auf dem Laufband schon mal ihre Mails checken können und dann mit einem Lollo-rosso-Sauerkraut-Smoothie gesund und vital in den Tag starten, um noch ein paar Milliönchen zu scheffeln. Das finde ich fast noch schlimmer als notorische Langschläfer, die den halben Morgen damit verbringen, die Snooze-Taste an ihrem Wecker zu drücken.

Ein Mal ist ja okay – aber manche Menschen scheinen besessen von der Schlummerfunktion und versuchen, das unausweichliche Aufstehen für ein paar Minuten halbwach-nervösen Dösens immer wieder hinauszuzögern. Das ist nicht nur unfassbar nervig, sondern sogar ungesund, wie ich in einem Artikel las. Denn Obacht: Offenbar bringt man mit dem ständigen Wecker-aus-Wecker-an seinen zirkadianen Rhythmus durcheinander.

Berlin beim Aufwachen zuhören

Ich weiß zwar nicht, was das ist, aber dieser Rhythmus klingt ziemlich wichtig. Die EU sollte eingreifen und auf Weckern ähnliche Schockbilder anbringen wie auf Zigarettenpackungen: Snoozen schadet Ihrer Gesundheit! Snoozen lässt Sie verwelkt und grau aussehen! Snoozen fügt den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu – vor allem denen, die mit den Snoozern ein Bett teilen: Während sich der Mann seinen Wecker extra 30 Minuten zu früh stellt, um noch drei Mal die Schlummertaste drücken zu können, liege ich nach dem ersten Klingeln hellwach im Bett und starre wie ein von Scheinwerfern geblendetes Reh in die Dunkelheit.

Dann mache ich doch lieber jeden Morgen einen auf Ocean’s Eleven. Und setze mich in aller Herrgottsfrühe in die Küche und höre Berlin beim Aufwachen zu: Wie aus Geräuschfetzen dieses immerwährende Rauschen wird und aus dem Rauschen die laute, oft nervtötende, aber doch irgendwie fantastische Harmonie unserer Stadt. Das wäre doch auch mal ein guter Warnaufkleber für alle Schlummertasten-Wecker: Wer snoozt, verpasst den Sound von Berlin!

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