Mein Berlin

Sieben Wochen ohne Meckern

Ab dem heutigen Aschermittwoch wird wieder gefastet. Hier eine Idee von Nina Paulsen, worauf man in Berlin ganz gut verzichten könnte.

Nina Paulsen begegnet dem Berliner Stadtleben.

Nina Paulsen begegnet dem Berliner Stadtleben.

Foto: Monika Skolimowska/dpa/Reto Klar

Also, uns geht’s ja ziemlich gut. Muss man auch mal sagen, gerade wenn man in Berlin wohnt, wo ja sonst immer ziemlich viel genörgelt wird. Die Behörden: ein Totalausfall. Der BER: peinlich. Die Touristen: nervig. Der Sperrmüll, die Ratten, die vollen Busse, die rasant steigenden Mieten: Ach, hör bloß auf. So ungefähr geht das ja immer, und ich finde, so langsam ist es Zeit, auch mal wieder die positiven Dinge am Leben in unserer Stadt zu betonen.

Ganz ehrlich: Es ist schon ziemlich schick hier, keiner hat es so gut wie wir. Berlin ist günstiger als München oder London, außerdem haben wir zwei funktionierende Flughäfen, und wem der Bus zu voll ist, der kann hier immerhin noch auf U-, S-Bahn oder einen gut gelaunten Taxifahrer ausweichen.

Außerdem ist das Bier in Berlin unfassbar billig, das kann man gar nicht oft genug sagen. Das Glas ist halb voll, Freunde, merkt euch das. Im Grunde leben wir hier wie die Made im Speck.

Und weil das so ist, ist es gar nicht schlecht, sich auch mal ein paar Tage in Verzicht zu üben. Am heutigen Aschermittwoch beginnt wieder die Fastenzeit, und ich habe beschlossen, dieses Jahr bei „sieben Wochen ohne“ mitzumachen. Nicht immer nur Konsum und Komfort, sondern auch mal etwas innere Einkehr und Umkehr und so. Wobei ich echt lange überlegen musste, worauf ich eigentlich 47 Tage lang verzichten will.

Die evangelische Kirche gibt in diesem Jahr das Motto „sieben Wochen ohne Lügen“ vor, und damit habe ich dann doch meine Probleme. Ich glaube ja, dass kleine Lügen hier und da das Leben leichter machen. „Du, die Pasta ist echt total lecker, aber ich bin leider pappsatt“, klingt doch einfach besser als „die Nudeln schmecken, als hättest du sie direkt vom Bahnsteig am Bahnhof Zoo gekratzt“. Wenn man das Lügen ganz sein lässt, ist man nach „sieben Wochen ohne“ ohne Freunde. So war das dann ja, glaube ich, auch nicht gemeint.

Ich habe mich jetzt für den Zucker entschieden und vor allem Süßigkeiten, die ich weglassen will. Das ist auch schmerzhaft, aber vor dem Sommer vielleicht auch nicht die schlechteste Idee. Ich habe das schon einmal so gemacht, vor ein paar Jahren, was allerdings einen seltsamen Nebeneffekt hatte: Weil mir nach dem Abendessen das Dessert so sehr fehlte, fing ich an, im Anschluss immer noch ein Gläschen Rotwein zu trinken. Quasi als Ersatz.

Möglich also, dass ich die kommenden sieben Wochen jeden Tag leicht angesäuselt bin. Falls am nächsten Mittwoch an dieser Stelle nur noch Kauderwelsch steht, weiß man immerhin, woran es liegt.

Vielleicht wäre „sieben Wochen mit“ ja auch die viel coolere Aktion als „sieben Wochen ohne“. Sieben Wochen lang jeden Tag ein Glas Rotwein. Sieben Wochen lang jeden Abend mindestens drei Folgen „Game of Thrones“ schauen. Sieben Wochen zum Frühstück einen lauwarmen Schokoladenkuchen mit flüssigem Kern essen. Oder Austern in der Fress-Etage vom KaDeWe.

Sieben Wochen lang die Füße hochlegen und zum Beispiel eine Zigarre rauchen, wenn man es mag. Nur schöne Dinge tun, vielleicht auch die eher verbotenen, ohne schlechtes Gewissen. Ich glaube, dieser Ansatz würde die Menschen ziemlich glücklich machen und die Welt deshalb ein kleines bisschen besser. Schade, dass sich noch keine Kirche dafür ausgesprochen hat.

Außerdem hat der Mensch ja auch seinen obligatorischen Hang zur Selbstkasteiung. Und zwingt sich, bis Ostern auf etwas sehr lieb gewonnenes zu verzichten. Und zu leiden. Und zu jammern. So wie hier in Berlin, wo wir immer nur sagen, wie furchtbar alles ist.

Deshalb hier eine Idee: Sieben Wochen lang gucken wir morgens aus dem Fenster, holen tief Luft und rufen laut: „Oh, du schöne, wunderbare Stadt!“ Oder so ähnlich. Sieben Wochen ohne Nörgeln lautet dann das Motto, ich wette, das wirkt sich positiv auf unser aller Seelenleben aus. Vielleicht hilft das ja sogar ein wenig, die schokoladenfreie Zeit zu überstehen. Und wenn nicht, gibt’s ja immer noch den Rotwein.