Kolumne "Mein Berlin"

Das ist doch zum Läusemelken!

In Berliner Schulen und Kitas wimmelt es vor den Krabbelviechern. Eine Schimpftirade auf das dreiste Insekt.

Nina Paulsen / Berliner Morgenpost

Nina Paulsen / Berliner Morgenpost

Foto: Reto Klar

Berlin. Es gibt ja so Situationen, aus denen geht man stärker hervor, als man hineingegangen ist. Turbulenzen im Job oder in der Liebe zum Beispiel. So etwas formt den Charakter, vergrößert den Erfahrungsschatz und macht widerstandsfähiger gegen die Irrungen und Wirrungen des Schicksals. Das Leben ist kompliziert, Freunde. Das kennt jeder, der schon mal mit einer TK-Pizza vorm Backofen gehockt und überlegt hat, welche der vier Schienen denn nun die mittlere ist.

So, und jetzt hat Kind eins Läuse aus der Kita mit nach Hause gebracht, und das Leben ist noch ein kleines bisschen komplizierter geworden. Wobei die Gleichung ja simpel ist: Winterzeit ist gleich Mützenzeit ist gleich Läusezeit, und ich glaube, es gibt keine Berliner Kita oder Schule, in der in diesem Jahr noch nicht die Läusewarnschilder aufgehängt wurden. Die Viecher sind gerade überall, ekelige kleine Biester, die über die Köpfe wuseln und sich dort vermehren. Sie besiedeln die Menschen wie Aliens einen fremden Planeten und machen dabei weder Klassen-, Qualitäts- noch Altersunterschiede. So eine Laus ist verflucht anspruchslos – wie ein Partytourist im Zwölf-Betten-Hostelzimmer in Friedrichshain. Jeden kann es treffen. Und uns nun auch. Mittlerweile weiß ich: An Läusen wächst man nicht und wird auch nicht stärker – sondern nur ein Stückchen verzweifelter.

Wenn plötzlich auch noch der eigene Kopf juckt

Sobald ich die Krabbeltiere auf dem hellblonden Michel-aus-Lönneberga-Schopf meines Sohnes entdeckt hatte, schlug bei mir die Einbildung zu. Es juckte am Kopf und am Hals und am Rücken. Kratz, kratz. Mit der chemischen Keule aus der Apotheke und einem Läusekamm bearbeitete ich die Haarpracht unserer gesamten Familie, sperrte arglose Teddys ins Gefrierfach und häufte einen Wäscheberg aus Kissen- und Deckenbezügen im Badezimmer an. Danach war ich dermaßen erschöpft, als hätte ich soeben den Kilimandscharo bestiegen. Läuse sind der absolute Endgegner. Konfuzius sagt: Kleine Laus, große Arbeit. Wären Atomwaffen gegen Läuse erlaubt, ich hätte sie, ohne mit der Wimper zu zucken, verwendet.

Ich kenne auch kaum ein weiteres Lebewesen, das dermaßen dreist und unverschämt daherkommt – außer den Partytouristen in Friedrichshain vielleicht. Spinnen etwa zeigen wenigstens ein kleines bisschen Respekt, wenn man ihnen mit dem Staubsaugerrohr zu nahe kommt. Und sie bauen ihre Netze nicht in unseren Haaren, sondern nur in der Zimmerecke. Und selbst Fruchtfliegen, die mindestens den Nervigkeitsfaktor eines BVG-Streiks zur Rushhour haben, beschränken sich auf die Obstschale und herumstehende Saftgläser. Aber nein, das reicht den Läusen nicht. Sie wollen gleich Blut haben und ihre verfluchte Brut auf menschlicher Kopfhaut großziehen. Es wundert mich eigentlich, dass sie nicht auch noch einen Zugang zu unserem Netflix-Account, eine monatliche Aufwandsentschädigung für ihre Mühen sowie Eintrittskarten für den Tierpark verlangen, um bald das niedliche kleine Eisbärenbaby zu sehen.

Schlupfwespen gegen Lebensmittelmotten

Vermutlich übernehmen kleine Krabbelviecher irgendwann einmal die Weltherrschaft. Freunde von uns hatten kürzlich Lebensmittelmotten in ihrer Küche, die als blinder Passagier in einer Müslipackung eingereist waren. Weil Saubermachen nichts brachte, wurden die natürlichen Fressfeinde der Lebensmittelmotte herangeschafft: Schlupfwespen. Die kann man tatsächlich im Internet bestellen und sich nach Hause schicken lassen, bei einem Laden, der sich „Mottenshop“ nennt. 586 Millionen Schlupfwespen will der Mottenshop schon verkauft haben, es herrscht also ein gigantischer Insektenhandel auf dem deutschen Postweg, und jetzt möchte ich da am liebsten gar nicht mehr so genau drüber nachdenken.

Über die Läuse auch nicht, denn die sind hoffentlich auf Nimmerwiedersehen von unseren Köpfen verschwunden. Und hoffentlich bald auch aus ganz Berlin. Dann können wir uns endlich wieder auf die wesentlichen Dinge konzentrieren. Wobei ... Moment. Wohin kommt denn nun bitte das verdammte Pizzablech?

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