Kolumne "Mein Berlin"

Darum ist Berlin die Stadt der Liebe

Morgen ist Valentinstag. Den sollten wir feiern – denn keiner hat es so gut wie die Menschen in Berlin, meint Nina Paulsen.

Foto: pa/Montage BM

Berlin. „Den Valentinstag ignorieren wir aber, oder?“, fragt der Mann und schneidet sich ein Stück von seinem Schnitzel ab. Wir sitzen im Restaurant, es ist Sonntagabend, und ich nicke heftig: Gott sei Dank! Ja, den Valentinstag ignorieren wir bitte genau wie den Welttapirtag und den internationalen Tag des Brathähnchens. Das ist ja das Schöne an langen Beziehungen: dass man den Partner wirklich ganz genau kennt und mit nur wenigen Worten ein Gefühl der absoluten Innigkeit und Einigkeit erzeugen kann. Und dass man jemanden hat, der die nassen Handtücher vom Badezimmerfußboden aufsammelt, wenn man das nach dem Duschen irgendwie mal wieder vergessen hat.

Nee, Freunde, der Valentinstag ist doch wohl eine Erfindung der Blumen- und Pralinenindustrie. Das ist eine Lebensweisheit, und darüber streitet man nicht. Wir können uns doch schließlich auch an jedem anderen Tag zeigen, wie lieb wir uns alle haben, nicht wahr? Zufrieden säbeln der Mann und ich weiter an unseren Schnitzeln herum, fest entschlossen, diesen Donnerstag einfach zu einem ganz normalen Tag zu machen. Darauf noch einen Schluck Radler, prosit. Bis an mir dann doch ein kleines Gefühl des Zweifels nagt: Wo ist nur die ganze Romantik hin?

Ja, wo? Untergegangen im Alltag zwischen Kindern, Arbeit und beim Lidl an der Kasse in der Schlange stehen? Abgetötet vom ewigen Leuchten des Smartphone-Bildschirms, überfahren von den miefenden Lastwagen im Stadtverkehr, erstickt im dichten Gedränge in der U2? Verschluckt diese hektische und trubelige Stadt jede Emotion, sodass wir uns noch nicht einmal an einem popeligen Tag im Jahr zusammenreißen können? Sind unsere Seelen schon so zynisch und vergrämt, dass sie nicht mehr in der Lage sind, sich am 14. Februar der Liebe, diesem größten aller Gefühle, zu öffnen? Fragen über Fragen – dabei ist es doch eigentlich ganz leicht.

Ich meine, wir sind hier in Berlin! Diesem steingewordenen Paradoxon moderner Urbanität: eine Stadt, die wie keine andere an allen Ecken und Enden versagt, aber doch heiß und innig geliebt wird. Alle schimpfen, aber keiner will hier weg. Ich glaube, es wird mal wieder Zeit, sich daran zu erinnern, wie schön wir es haben. Denn auch, wenn man es jetzt im Februar noch nicht so recht glauben mag: Berlin ist eine der grünsten Städte Europas, wir haben unzählige Parks und Seen, wo man im Sommer chillen und im Winter spazieren gehen kann. Man kann für sieben Euro mit der BVG den ganzen Tag durch Berlin fahren (und Spandau, haha) – dafür kriegste in München noch nicht mal einen Kaffee. Wir haben zwölf Bezirke und jede Menge Kieze, eine Stadt in der Stadt in der Stadt. Mit Gemeinschaft, Vereinen, Miteinander. Hier leben die Erfinder des Wegbiers, hier kann man überall Jogginghose tragen und jeden Tag in der Woche bis zum späten Nachmittag frühstücken gehen. Hier kann man Fußballfan sein, aber auch Basketball, Handball, Eishockey oder Volleyball besser finden – oder einfach Boccia im Sand.

Schönere Sonnenuntergänge als in Berlin gibt es auch nirgendwo. Das weiß jeder, der schon mal einen Sommerabend auf dem Drachenberg im Grunewald, auf einer Dachbar in Neukölln oder auf dem Müllberg in Lübars verbracht hat. Oder direkt an der Spree. Nirgendwo gibt es mehr Flair als in Berlin, nirgendwo mehr Lebensgefühl und Freiheit. Nirgendwo mehr Durchstarter und Faule, nirgendwo mehr Gründer und Scheiternde – und nirgendwo gibt es mehr liebenswerte Verrückte. Es gibt die leckerste Currywurst und den leckersten Döner, das leckerste Eis und die kreativsten Drinks. Und es gibt ziemlich leckere Schnitzel.

Also, wenn das alles mal kein Grund ist, den grauen Alltag und den ganzen Zynismus hinter sich zu lassen, dann weiß ich auch nicht. Lasst die Romantik in euer Herz, liebe Freunde! Morgen – und gerne auch am internationalen Brathähnchentag.

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