Mein Berlin

Ein neuer Feiertag ist nicht genug

8. März schön und gut – aber eigentlich brauchen die Berliner noch mehr freie Zeit. Der Stadt würde es guttun, meint Nina Paulsen.

Statt über einen einzelnen zusätzlichen Feiertag am 8. März hätten wir hier in Berlin deshalb lieber gleich über eine ganze zusätzliche Feierwoche diskutieren sollen, meint Nina Paulsen.

Statt über einen einzelnen zusätzlichen Feiertag am 8. März hätten wir hier in Berlin deshalb lieber gleich über eine ganze zusätzliche Feierwoche diskutieren sollen, meint Nina Paulsen.

Foto: Reto Klar

Berlin. Huch, schon wieder Ferien! Ich war ganz überrascht, als ich am Montag plötzlich wieder einen Sitz in der U-Bahn bekam und haufenweise freie Parkplätze vor unserem Haus vorfand. Das sind in Berlin ja die Ferien-Indikatoren für alle, die keine schulpflichtigen Kinder haben – und dass sämtliche Facebook-Freunde plötzlich Fotos vom Skifahren posten.

Offenbar hat sich die Hälfte der Berliner Ende vergangener Woche auf der A 9 durch den Stau in Richtung Berge gequält. Für die andere Hälfte heißt das: endlich mal in einer Stadt leben, die einigermaßen funktioniert. Weniger Verkehr, kürzere Wartezeiten beim Arzt und eben besagte Beinfreiheit im öffentlichen Nahverkehr. Zum Heulen schön ist das. Einfach wundervoll.

Und was das Beste ist: Es sind auch weniger Touristen hier. Nicht wie im Sommer, wo zwar die Berliner alle verreist sind, es aber an vielen Orten voller Menschen mit Fotoapparaten und Rucksäcken ist. Alle wuseln sie durch die Gegend, eine Masse aus halb entkleideten Leibern, die sich zwischen Brandenburger Tor, Potsdamer Platz und Fernsehturm durch die Straßen schiebt.

Das ist jetzt im Winter anders. Die paar Touris, die es nicht lassen können und bei schwächelndem Tageslicht, eisigem Wind und permanentem Schneegriesel durch die betonkalte Gegend huschen, enden dort, wo alle Menschen bei einem Städtetrip im Winter früher oder später enden: bei Starbucks oder McDonald’s, um im kostenlosen Wlan die Zeit totzuschlagen, bis man endlich wieder nach Hause fliegen darf. Tja, eigene Schuld.

„Im Sommer tust du gut und im Winter tut’s weh!“

Hätten sie mal alle auf Seeed gehört: „Im Sommer tust du gut und im Winter tut’s weh!“, heißt es im Gassenhauer „Dickes B“, der übrigens aus dem Jahr 2001 ist und damit schon fast 18 Jahre alt. Die allermeisten Kinder und Jugendlichen, die jetzt gerade Winterferien haben, waren da noch gar nicht geboren, und bei dem Gedanken daran fühle ich mich gerade wieder mal ziemlich alt.

Aber das tu ich auch bei dem Gedanken an Ferien im Allgemeinen. Was war das schön damals in der Schule: Fünf Mal im Jahr eine lange Auszeit, insgesamt mehr als drei Monate. Da wird man richtig wehmütig, jetzt, in der richtigen Arbeitswelt, in der man froh sein kann, wenn das Urlaubskontingent 25 bis 30 Tage umfasst. Aber früher: 13 Wochen, dazu diverse lange Wochenenden durch Feier- und bewegliche Ferientage.

Es hatte immer einen ganz besonderen Zauber, am letzten Schultag nach Hause zu kommen, den Ranzen in die Ecke zu werfen und sich frei zu fühlen wie ein Drachen auf dem Tempelhofer Feld. Hätte man heute so viel Zeit, könnte man lauter Dinge erledigen, die man sonst ewig vor sich herschiebt: Unter dem Sofa staubsaugen. Die Steuererklärungen der vergangenen drei Jahren fertig machen. Endlich alle Digitalfotos vom Handy entwickeln lassen und in Alben kleben. Hawaiianisch kochen lernen. Einen Töpferkurs an der Volkshochschule belegen.

Statt über einen einzelnen zusätzlichen Feiertag am 8. März hätten wir hier in Berlin deshalb lieber gleich über eine ganze zusätzliche Feierwoche diskutieren sollen. Aber nicht für Schüler, sondern für alle Erwachsenen. Die es sich dann zu Hause gemütlich machen, töpfern oder kochen, während die Kinder brav lernen gehen. Alle wären mega entspannt. Und Berlin wäre an viel mehr Tagen im Jahr eine komplett andere Stadt – ja, ich würde sagen, eine viel bessere und entlastete Stadt. In der viel mehr funktioniert, weil die Mehrheit der Leute selig zu Hause hockt. Zum Wohle der Gemeinschaft fordere ich die Politik auf, sich der Sache noch einmal anzunehmen. Liebes Abgeordnetenhaus, übernehmen Sie!

Außerdem: Mit mehr freier Zeit kommt einem dieser Winter gar nicht mehr so schrecklich vor. Dann lässt es sich auch hier ganz gut aushalten, man muss sich nicht einmal durch den Stau auf der A 9 quälen. Denn das ultimative Freiheitsgefühl gibt’s nicht nur auf Skiern – sondern auch in einer himmlisch leeren Bahn.

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