Mein Berlin

Warum Berlins Paketboten arme Schweine sind

Haufenweise Kartons, keiner zu Hause, viele Treppen: Kein leichter Job. Wir sollten netter zu den Leuten sein, findet Nina Paulsen.

Wer regelmäßig mit der U8 fährt, kann mitunter auf die Idee kommen, dass Gespenster oder zumindest Zombies in unserer Stadt leben.

Wer regelmäßig mit der U8 fährt, kann mitunter auf die Idee kommen, dass Gespenster oder zumindest Zombies in unserer Stadt leben.

Foto: Reto Klar

Berlin. Menschen, die uns zu Hause besuchen, tun mir manchmal ein wenig leid. Wir wohnen im dritten Stock, und das Haus hat keinen Fahrstuhl. Wenn sich unsere Gäste die Treppen hochgequält haben, fangen sie demonstrativ zu hecheln an und fächern sich Luft zu. In ihren Augen liegt eine Mischung aus Erschöpfung und Aggression, als wollten sie sagen: „Und wehe, ihr habt nicht mindestens einen Kuchen gebacken und eine große Auswahl an alkoholhaltigen Getränken, ein Sauerstoffzelt und ein Empfangskomitee aus Frank Zander, Helene Fischer und Kermit dem Frosch parat.“ Ich versuche dann immer, ganz nett und zuvorkommend zu sein. Ja, schön, dass ihr da seid und so.

Wobei: Das hier ist ein Berliner Altbau und nicht das Matterhorn, ihr Luschen. Aber das würde ich natürlich niemals laut sagen. Außerdem gibt es Menschen, die diese und andere Treppen jeden Tag laufen, und das ständig, und da habe ich dann wirklich mal Mitleid. Mit unserem Paketboten zum Beispiel. Der arme Mann wuchtet immer stapelweise Kartons durch unseren Hausflur, in der Hoffnung, irgendeiner möge zu Hause sein und ihm den ganzen Kram abnehmen. Als er neulich am frühen Abend bei uns vor der Tür stand und ich auf diesem elektronischen Quittier-Dings unterschrieb, liefen ihm die Schweißperlen die Stirn herunter. Ich bot ihm ein Glas Wasser an, doch er sagte: „Nein, ich muss weiter, ich habe noch das ganze Auto voller Pakete.“ Dann hechelte er wieder die Treppen herunter.

Ich muss jetzt mal eine Lanze brechen für Paketboten. Viele Menschen schimpfen ja immer, weil sie zu Hause auf ihre Sachen warten – und warten und warten. Und dabei die Jahreszeiten vor ihrem Fenster vorbeiziehen sehen und die Haare grau werden und die Bärte immer länger. Doch keiner klingelt. Aber ich glaube ja auch, dass Paketboten im Grunde arme Schweine sind. Weil wir alle wie irre online shoppen und sie das Zeug in unsere Wohnungen schleppen müssen. Oder in irgendwelche Spätis, weil am Ende doch keiner die Tür aufmacht. Immer wieder kursieren ja auch Fotos und sogar Videos von, nun ja, kreativen Wegen der Boten, die Pakete loszuwerden: Da werden Sendungen in Mülltonnen oder Blumenkübeln deponiert – oder auf Balkone geworfen.

Das ist ein bisschen witzig, aber auch ein bisschen traurig, weil man davon ausgehen kann, dass sich die armen Paketboten meistens wohl nicht anders zu helfen wissen. Ich glaube, in diesem Job fühlt man sich ziemlich oft wie der Arsch vom Dienst: Zu viel zu tun in zu wenig Zeit, und immer hat einer irgendetwas zu meckern – das kennt jeder, der für Kinder ein Abendessen kocht. Und ein Trinkgeld bekommt man auch nicht.

Ausgehängte Zettel würde ich als Paketbote auch ignorieren

Wenn man durch Berliner Wohnstraßen mit Mehrfamilienhäusern spaziert, klebt an jeder zweiten Tür ein Zettel mit Anweisungen: „Das Paket für Hubermeier im sechsten Stock bei Schröder abgeben oder im Café Dingsbums drei Straßen weiter. Danke!“ oder „Klingel kaputt. Bitte anrufen unter 01711234567.“ Komisch, dass diese Leute den Boten nicht auch noch bitten, ihnen eine Tüte Chips mitzubringen, wo er auf seinem Weg doch am Lidl vorbeikommt. Kein Wunder, dass manche Paketlieferanten da einfach verzweifeln, das ganze Geraffel beim Erstbesten abgeben und dann ihre gelben Kärtchen in die Briefkästen schmeißen. Ausgehängte Zettel wie „An den DHL-Mann: Ich bin ZU HAUSE! Sie können KLINGELN!!!“ würde ich als Paketbote dann ehrlich gesagt auch ignorieren. Macht bestimmt mega Spaß, solche Leute zu beliefern, noch lustiger ist bestimmt nur eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt.

Ich versuche ja, immer besonders nett zu unserem Paketboten zu sein. Und nehme auch brav die Kartons sämtlicher Leute von halb Pankow an – wenn er schon mal den Weg zu uns nach oben geschafft hat. Falls er das jetzt lesen sollte: Danke für alles! Irgendwann warten hier auch mal Frank Zander, Helene Fischer und Kermit der Frosch auf Sie.

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