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Mein Berlin

Warum der Alex ein guter Ort für eine Winter-Depression ist

Kalt, nass und überall Krähen – so sieht der Alexanderplatz aus. Kein Ort, um gutgelaunt durch den Winter zu kommen, sagt Nina Paulsen.

Kolumnistin über graue Wintertage am Alexanderplatz.

Foto: Reto Klar

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Berlin. Kürzlich lief ich mal wieder über den Alexanderplatz. Es war am späten Nachmittag und der Himmel schon dunkel. Ein kalter Wind pustete noch kältere Wassertropfen in mein Gesicht, und ich dachte: Lieber Gott, lass doch endlich wieder Sommer sein! Leider antwortete Gott nicht auf mein Stoßgebet, was schon in Ordnung ist, denn Gott hat vermutlich sehr viele sehr viel dringendere Anfragen zu erledigen. Wobei so ein bisschen Sonne den Leuten sicherlich guttun würde: Diese ewige Dunkelheit verschlingt all ihre Lebensfreude – und die ganzen Läden am Alexanderplatz all ihr Geld. Dieser Ort ist gefräßiger als eine Schnecke im Gemüsebeet.

Ich lief weiter, durch das müffelnde Bahnhofsgebäude hindurch und am Fuße des Fernsehturms entlang, dessen Spitze sich in die tief hängenden Wolken bohrte und in deren wabernder Undurchdringlichkeit versank. Auf Höhe der St. Marienkirche fühlte ich mich dann plötzlich, als sei ich in das Universum von Alfred Hitchcock gestolpert: Krähen, überall Krähen. Auf dem nassen Boden saßen sie und in den Bäumen. Auf dem Turm der Marienkirche hockten sie, auf dem Baugerüst an ihrer Fassade, auf den gebogenen Ampelmasten, die quer über die Karl-Liebknecht-Straße hängen, und auf den Oberleitungen der Tram.

Hunderte Krähen waren es, ach, was sage ich, bestimmt Tausende. Sie saßen dort in ihrem schwarz-grauen Gefieder und sahen auf die Menschheit hinab wie Richter auf die Angeklagten. Gruselig sah das aus. Vor allem aber frage ich mich, was die ganzen Viecher da überhaupt wollen, sofern sie sich nicht zufällig gerade als Statisten in einem Remake von „Die Vögel“ bewerben.

Das Areal zwischen Fernsehturm, Rotem Rathaus, Schlossbaustelle und Dom ist jetzt im Winter ziemlich unschön, weshalb sich auch nur völlig verrückte Touristen hier rumtreiben. Vielleicht sind die Krähen ja ebenfalls nur zu Besuch hier, aus Mecklenburg-Vorpommern etwa, um mal zu gucken, was in der großen Stadt so los ist? Ich befürchte allerdings, dass es sehr viel schlimmer ist. Krähen sind ein unheilvolles Volk. Immerhin werden sie auch Galgenvögel genannt, liebe Freunde, Galgenvögel!

Und sie fressen Aas, und wer weiß, was sie noch alles im Müll finden. Halb aufgegessene Döner, Pappbecher mit Kaffeeresten, alte BVG-Fahrkarten. Was diese Krähen in ihrem Blutkreislauf haben, macht sie bestimmt zur widerstandsfähigsten Art unter der Sonne. Dass sie sich jetzt ausgerechnet am Alexanderplatz niederlassen, sollte uns zu denken geben. Wissen die Krähen etwas, was wir nicht wissen? Wird dieser trüb-triste Januar etwa noch grauer, noch dunkler, noch kälter und regnerischer? Sind wir dem Untergang geweiht?

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Uns stehen noch drei Monate harter Winter bevor

Fakt ist: Die schlimmste Zeit des Jahres hat begonnen, uns stehen noch gute drei Monate harter Winter bevor. Der Rest des Januars, in dem sich jeder Tag wie ein Montag anfühlt. Der Februar, in dem Schnee und Eis dann meist so richtig zuschlagen – und das Grippevirus auch. Der März, in dem zwar Frühlingsanfang ist, in dem es aber jedes Jahr auch noch mal schneit und man sich die nächste Erkältung holt, weil die warme Jacke wieder eingemottet ist. Es ist schon eine deprimierende Phase: Es ist dunkel, wenn man aufsteht, und auch, wenn man wieder nach Hause kommt.

Was aber auch gar nicht so schlimm ist, denn Berlin ist im Winter so hässlich, dass man eigentlich gar nichts verpasst. Die glitzernde Weihnachtsdeko ist weg. Und das Konto ist von den Weihnachtseinkäufen so leer wie die ganzen neuen schicken Shoppingmalls an einem Mittwochvormittag. Die Zahlung für die Autoversicherung wird aber trotzdem fällig, Strom und Heizung werden natürlich auch abgerechnet.

Wäre Alfred Hitchcock nicht 1980 gestorben, er hätte bestimmt einen Horrorfilm über den Winter in Berlin machen können. Mit Krähen sogar. Ja, es wird furchtbar werden. Da hilft nur: Augen zu und durch. Aber die Sache mit dem Stoßgebet werde ich trotzdem noch mal versuchen.

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