Mein Berlin

Man braucht kein festes Datum, um sein Leben zu verändern!

Schon nach der ersten Januarwoche geben die meisten ihre Vorsätze schon wieder auf. Das ist ziemlich deprimierend, findet Nina Paulsen.

Nina Paulsen beobachtet, wie die guten Vorsätze schon wieder abebben.

Nina Paulsen beobachtet, wie die guten Vorsätze schon wieder abebben.

Foto: pa/Reto Klar

Berlin. Am vergangenen Sonntag stürmte frühmorgens unser Zweijähriger ins Schlafzimmer. Es war noch stockfinster, aus dem Augenwinkel linste ich auf die Uhr: 6.45 Uhr. Ich tat, was alle guten Eltern in so einer Situation tun: Ich stellte mich tot. Was aber unseren Sohn nicht beeindruckte. Er lief zum Klavier und warf seine Hände auf die Tasten. Das kakofone „Klooooonggg!“ hat in diesem Moment vermutlich ganz Pankow aufgeweckt. Dann rief unser Sohn mit seiner glockenhellen Engelsstimme: „Mama! Tanz!“

Ich dachte: Au ja! Also, das heißt, nein. Wirklich nicht. Höchste Zeit, dass wir das Klavier verschrotten. Falls jemand zufällig Brennholz braucht: einfach Bescheid sagen. Ich war aber auch etwas gerührt. Das letzte Mal, dass ich an einem Sonntagmorgen um 6.45 Uhr getanzt habe, ist wirklich schon, na ja, einige Zeit her. Ich schätze mal, das sieht man mir auch irgendwie an, immerhin hat mir die überschminkte Douglas-Verkäuferin beim Weihnachtsshopping jetzt zum ersten Mal ein Pröbchen für eine Antifaltenmaske in die Tüte getan und nicht mehr „was Schönes zum Duften“.

Aber davon weiß mein Sohn natürlich nichts, weshalb ich es auch ganz süß finde, dass er glaubt, ich könnte an einem dunklen Sonntagmorgen noch vor dem ersten Kaffee in irgendeiner Form Halligalli machen. Oder eben tanzen, wenn ich gerade aus dem Tiefschlaf geholt wurde.

Womöglich will mir aber auch das Universum irgendetwas sagen. Irgendeine kosmische Macht, die mich dazu bringen will, mein Leben zu verbessern. Und mich mehr zu bewegen. Überall in Berlin wimmelt es an diesen Tagen ja vor guten Vorsätzen, die sich die Leute für 2019 vorgenommen haben. Am Jahnsportpark sah ich ebenfalls am Sonntagmorgen (dann nach dem ersten Kaffee) eine große Gruppe Sportler beim gemeinsamen Hampelmann-Hüpfen. Einer zählte „43, 44, 45, ...“ Angeber.

Ein Bekannter von mir geht ab jetzt zwei Mal pro Woche zu einem Bootcamp, wo er sich drillen und fit machen lässt. Morgens um sieben, vor der Arbeit. Das nötigt mir riesigen Respekt ab, ich bin ja schon froh, wenn ich es morgens schaffe, die Tassen in den Geschirrspüler zu stellen. Mein einziger Neujahrsvorsatz ist deshalb, dass ich keine Neujahrsvorsätze habe. Man braucht doch kein festes Datum, um sein Leben zu verändern. Und wenn doch, ist das ganze Projekt ohnehin zum Scheitern verurteilt.

Passenderweise haben sie eben im Radio erzählt, dass schon nach der ersten Neujahrswoche, also jetzt, mehr als die Hälfte der guten Vorsätze wieder gebrochen ist. Mit Vorsätzen verhält es sich damit im Grunde wie mit Wahlversprechen: klingen toll, aber die Umsetzung ist schwierig. Das Dumme ist, dass man in der Politik wenigstens noch die CSU dafür verantwortlich machen kann. Bei den Neujahrsvorsätzen geht das meistens nicht so gut.

Ich vermute, dass Vorsätze eigentlich nichts anderes sind als Ausreden in hübscher Verpackung. Weihnachten und zwischen den Jahren, das ist kalorientechnisch sozusagen der Mount Everest, mit einem opulenten Raclette am 31.12. auf dem Gipfel. Wenn man dann aber vorhat, ab dem 1. Januar weniger zu essen und sich mehr zu bewegen – dann geht auch noch das Tiramisu zum Nachtisch ganz gut runter. Und der Wein, denn natürlich trinkt man im neuen Jahr auch weniger, nicht wahr?

Aber: Wir bescheißen uns im Grunde nur selbst, wenn wir versprechen, dass ab 0.00 Uhr alles anders wird. Deshalb: ohne mich – und kein Alkohol ist bekanntlich auch keine Lösung. Was viele ja auch nicht wissen: Das Jahr geht auch ohne gute Vorsätze in 365 Tagen vorbei. Nur startet es dann nicht mit einem schlechten Gewissen. Bitte, gern geschehen.

Ich fürchte, ich muss das unserem Sohn auch noch mal erklären. Nicht, dass er sich vorgenommen hat, am Wochenende nun immer ganz früh aufzustehen. Und falls Sie zu der anderen Hälfte der Bevölkerung gehören, die ihre guten Vorhaben noch durchziehen: viel Glück dabei! Und nicht vergessen: Wenn es doch nicht klappt, sind es nur noch 355 Tage bis zum nächsten Silvester.

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