Mein Berlin

Das Leben kann auch einfach sein...

... aber nicht in Berlin. Das merkt man erst, wenn man mal länger nicht in der Stadt ist, findet Nina Paulsen.

Nina Paulsen

Nina Paulsen

Foto: pa/Reto Klar

Berlin. Die vergangenen 14 Tage habe ich hauptsächlich auf dem Dorf verbracht. Wobei ich „Dorf“ als dehnbaren Begriff verwende für alles, was außerhalb Berlins liegt. Dieses kleine bisschen großstädtische Arroganz kann man sich ruhig mal gönnen, das Jahr 2019 ist schließlich noch jung. Auf dem Dorf jedenfalls bekam ich kurz vor Weihnachten ganz furchtbare Halsschmerzen. Ich konnte nichts essen und trinken und wähnte mich dem Tode nahe, nachdem ich die einzelnen Symptome gegoogelt hatte.

Also beschloss ich, einen Hausarzt aufzusuchen. Ich legte mir eine lange Erklärung zurecht, warum ich so kurz vor den Feiertagen ohne Termin und unbekannterweise unbedingt noch drankommen müsse. „Hallo, Paulsen mein Name, ich weiß, es ist ein ungünstiger Zeitpunkt, aber ich wollte fragen, ob Sie mich heute noch irgendwie dazwischenquetschen können“, sagte ich zur Sprechstundenhilfe und holte tief Luft, um mein akribisch vorbereitetes Referat über die wirklich höllischen Schmerzen in meinem Hals vorzutragen. Doch nichts da. „Ja, aber selbstverständlich“, flötete sie mit Zuckergussstimme und schickte mich ins Wartezimmer. Nach nur zehn Minuten war ich dran.

Wahnsinn. Ich hatte irgendwie immer angenommen, es müsse ein Naturgesetz sein, dass Arztpraxen grundsätzlich überfüllt und Sprechstundenhilfen grundsätzlich krätzig sind. In Berlin sind die Wartezimmer immer so voller hustender und schniefender Kranker, dass ich mich manchmal frage, ob überhaupt noch Menschen draußen übrig sind. Als ich einmal ohne vorherigen Anruf in eine Praxis in Mitte stolperte, wurde ich am Empfangstresen rundgemacht wie ein Schüler, der beim heimlichen Rauchen erwischt wird. Und schämte mich entsprechend. Seither versuche ich ja, Ärzten möglichst wenig zur Last zu fallen. Mit den Berliner Medizinern ist es im Grunde wie mit Nordkorea, Russland und den Trump-USA: Alle Zeichen stehen auf Abschreckung. Nur dass statt Atomwaffen einfach bissige Sprechstundenhilfen ins Feld geschickt werden.

Hach, das Leben kann so verdammt einfach sein

Auf dem Dorf ist das alles anders. Ebenso überrascht war ich dort von dem absolut freundlichen Busfahrer, der sofort auf die Bremse trat, als er uns leicht verspätet heraneilen sah. Man stelle sich das mal in Berlin vor: Der Fahrer eines 100er-Doppeldeckers geht am Reichstag 20 Meter hinter der Haltestelle in die Eisen und legt noch mal den Rückwärtsgang ein, um ein paar verpeilte Touristen einzusammeln, die mit dem Fahrplan nicht klargekommen sind. Ich halte eine Eröffnung des BER noch in dieser Woche für wahrscheinlicher, als dass so etwas in unserer Stadt passiert. Das größte Highlight erlebte ich in den Ferien dann allerdings beim Einkaufen bei Aldi: Es gab dort wirklich eine Kundentoilette. Die so sauber war und glänzte, dass ich dort, ohne zu zögern, Ravioli direkt vom Fußboden gegessen hätte. Das würde ich nicht mal bei mir zu Hause tun.

Hach, das Leben kann so verdammt einfach sein. Jedenfalls dann, wenn man nicht in Berlin wohnt. Tatsächlich: Es gibt Orte in Deutschland, an denen es wirklich eine ganz ordentliche Versorgung mit so banalen Dingen wie Ärzten und zum Beispiel Kitaplätzen gibt. Kann man sich in Berlin manchmal gar nicht vorstellen. An die Steine, die einem bei uns jeden Tag in den Weg gelegt werden, haben wir uns ebenso gewöhnt wie an die ganzen Hundehaufen auf den Gehwegen. Ein wenig in Versuchung bin ich beim Thema Dorf deshalb tatsächlich einmal ganz kurz gekommen, als ich das Telefonat einer Frau in Prenzlauer Berg mit anhörte: „120 Quadratmeter, fünf Zimmer, mit Gartenzugang. 850 Euro warm.“ Ich wurde aufgeregt wie ein Hund, dem eine Salami vor die Nase gehalten wird: Diese Wohnung wollte ich auch. „Ja, wir haben endlich was Größeres gefunden“, erzählte die Frau am Telefon weiter. „In der Nähe von Osnabrück.“

Tja. Na ja. Lasst mich überlegen ... Nein, Dorfleben – ohne mich. In Berlin ist es trotz allem immer noch am schönsten. Jedenfalls, solange man keine fiesen Halsschmerzen bekommt.

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