Mein Berlin

Hört auf, bei Rot über die Straße zu rennen

Kaum einer wartet auf Grün, nur um vielleicht ein paar Sekunden schneller zu sein. Das sollten wir sein lassen, meint Nina Paulsen.

Foto: pa/Montage BM

Woran erkennt man einen Touristen in Berlin? Am abrupten Stehenbleiben am Ende der Rolltreppe? An der praktischen Allwetterwendejacke, die ausschließlich im Partnerlook getragen werden darf? Daran, dass er bei „Mustafas Gemüsedöner“ 45 Minuten in der Schlange wartet? Alles richtig. Aber vor allem auch daran: Der Touri stoppt in Berlin immer brav an einer roten Ampel. Auch wenn alle anderen hordenweise über die Straße rennen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber: Danke, liebe Touristen! Ich bin froh, dass es euch gibt.

Es ist in Berlin ja so, dass sowohl für Auto- und Radfahrer als auch für Fußgänger die Verkehrsregeln oft mehr so eine unverbindliche Empfehlung darstellen. Etwa vergleichbar mit der Ansage in mittelklassigen Strandhotels auf Mallorca, zum Büfett doch bitte nicht in Badehose und Muskelshirt zu erscheinen. Denn beides wird von vielen ignoriert, was im Falle des Abendessens tendenziell eklig und im Falle des Straßenverkehrs tendenziell tödlich ist.

Dabei sind alle drei Gruppen gleich schlimm. Als Radfahrer muss man aufpassen, nicht von Autos und Lkw über den Haufen gefahren zu werden oder wenigstens nicht eine sich öffnende Tür vor den Latz geknallt zu bekommen. Von nicht vorhandenen, absurd geplanten oder zugeparkten Radwegen ganz zu schweigen. Als Autofahrer wiederum ärgert man sich über mitten auf der Straße herumgurkende und den ganzen Verkehr aufhaltende Radler, die gern im Rudel nebeneinanderher fahren oder einem beim Linksabbiegen die Vorfahrt nehmen. Als Fußgänger ärgert man sich wiederum über beide: Radfahrer, die die Gehwege komplett für sich einnehmen und derart rasen, dass sich Omas und Kleinkinder nur mit einem Hechtsprung ins Gebüsch retten können. Und Autofahrer, die zum Beispiel Tempo-30-Schilder in Wohnstraßen ignorieren.

Und: andere, Pardon, wirklich dumme Fußgänger, für die eine rote Ampel vielleicht eine hübsche Dekoration der Straßenlandschaft ist und nicht das Si­gnal für „Halt endlich an, du Lurch“. Und damit meine ich jetzt nicht jene typischen Berliner Ampeln, die nach zehn Sekunden Grün schon wieder umspringen, sodass man selbst als halbwegs fitter und schnell gehender Mensch bei Rot immer noch auf der Straße ist. Nö. Ich meine die ganz normalen Ampeln, über die man eben einfach rüberrennt. Weil in zwei Minuten die nächste U-Bahn fährt, weil eben gerade kein Auto zu sehen ist oder einfach weil es eh egal und in Berlin Usus geworden ist.

Ich persönlich bin dabei nicht frei von Schuld. Jahrelang habe ich es ja genauso praktiziert in der festen Überzeugung, als Erwachsener mein Risiko schon selbst abschätzen zu können. Aber das ist falsch. Nicht nur,weil bekanntermaßen die Freiheit des Einzelnen dort endet, wo die des anderen beginnt – und damit ein anderer bremsen muss, wenn ich mal eben schnell über Rot flitze. Sondern auch weil wir wohl oder übel in einer Gemeinschaft leben und Verantwortung übernehmen müssen. Das ist mir klar geworden, seit ich versuche, unserem Zweijährigen beizubringen, dass man bei Rot eben steht und bei Grün gehen darf, wenn man vorher noch mal nach rechts und links geschaut hat. Er macht das wirklich ganz toll. Doch trotzdem gerate ich ungefähr hundertmal am Tag in Erklärungsnot, wenn andere vor den Augen dieses kleinen Kindes genau das wieder einmal ignorieren. 2017 gab es 34 Verkehrstote in Berlin, in den beiden Jahren davor starben 56 und 48 Menschen. Die größte Gruppe der Toten waren jeweils die Fußgänger. So. Es muss doch nicht sein, dass das in Zukunft noch mehr werden.

Am besten wäre, dass auch an Fußgängerampeln Blitzer installiert werden und saftige Strafen fällig werden, so wie für Autofahrer. Oder aber es reißen sich alle mal am Riemen – und machen es wie die Touristen. Schön stehen bleiben, wenn das rote Männchen leuchtet. Eine Allwetterjacke im Partnerlook muss man dabei aber trotzdem nicht anziehen.

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