Mein Berlin

Danke Berlin, dass du nicht funktionierst!

"Mein Berlin" feiert in Kürze dritten Geburtstag. Hurra. In keiner anderen Stadt wäre das möglich gewesen, sagt Autorin Nina Paulsen.

Nina Paulsen möchte nirgendwo sonst als in Berlin leben

Nina Paulsen möchte nirgendwo sonst als in Berlin leben

Foto: pa/Reto Klar

Berlin. Anfang November hörte ich im Radio die Kolumne von Harald Martenstein. In dieser Episode erzählte er, dass er sich in seine Wohnung eine zweite Küche nur zum Arbeiten eingebaut hat. Voll funktionsfähig mit Herd, Töpfen und allem Drum und Dran – weil er in Küchen so gut schreiben kann. Ich finde das ziemlich toll. Ich schätze, wenn man sich als Autor eine zweite, im Grunde überflüssige Küche bauen kann, dann hat man es irgendwie geschafft.

Ich muss immer erst zerwühlte Sofadecken und Krümel beiseite schieben, um Platz auf der Couch zu machen für mich und meinen Laptop. Weil ich gerade wieder in Elternzeit bin, kann ich auch immer nur dann schreiben, wenn das Baby gerade schläft. Leider ist mein Laptop so schrottig, dass das Kind ausgeschlafen hat, wenn das Ding erst mal hochgefahren ist. Von einer eigenen Schreibküche mit integrierter Kreativ­atmosphäre kann ich allenfalls nur träumen.

Warum ich das alles hier erzähle: Diese Kolumne wird in wenigen Tagen drei Jahre alt. Ja, Freunde, drei! Hurra! Am 11. November 2015 erschien an dieser Stelle die erste Folge. Über Karneval schrieb ich damals, beziehungsweise darüber, dass es selbst für Berliner Verhältnisse ziemlich bekloppt ist, wenn erwachsene Menschen sich wie im Rheinland „Alaaf“ johlend verkleiden und mit harten Bonbons auf arglose Mitbürger werfen.

Ich war sehr aufgeregt, als der Text erschien, und habe ihn vorher ständig korrigiert und umgeschrieben. Gespannt wartete ich auf den nächsten Tag und darauf, was die Leser wohl dazu sagen würden. Nun. Die Zahl der Reaktionen betrug exakt: null. Aber das Leben eines Kolumnisten ist manchmal hart. Man überwindet Selbstzweifel und Blockaden, versucht witzig zu sein, aber auch kritisch und geistreich – um dann festzustellen, dass sich niemand dafür interessiert. Aber ich will nicht jammern. Im Bergwerk zu schuften, ist sicherlich unangenehmer.

Außerdem macht mich dieser kleine Geburtstag ohnehin schon etwas sentimental. Es ist natürlich viel passiert in drei Jahren: Die Landesregierung ist eine andere, Berlin hat zwei Pandas bekommen, die Staatsoper ist dann doch mal fertig geworden, der BER dagegen nicht. Und Touristen stehen weiterhin nutzlos im Weg herum, vor allem, wenn man es eilig hat. Das ist ja überhaupt das Irrwitzige an dieser Stadt, diese Mischung aus rasendem Wandel und wurstigem Stillstand.

Guckste mal nicht hin, hat um die Ecke sofort ein Pop-up-Store für japanische Zehensocken oder eine vegane Metzgerei aufgemacht. Auf der anderen Seite ist man gnadenlos aufgeschmissen, wenn man heiraten oder die tote Oma beerdigen will. Das schaffen die Behörden hier nun mal nicht. Dann haste einfach Pech gehabt.

Ich vermute, genau das ist der Grund, warum ich mir niemals zum Arbeiten eine zweite Küche bauen muss. An dieser Stadt kann man sich einfach dumm und dämlich schreiben. Die wahre Kreativ­at­mosphäre liegt nicht zwischen Topflappen und Pizzaschneider, sondern erstreckt sich von Spandau bis Köpenick, von Pankow bis Steglitz-Zehlendorf.

In drei Jahren blieb trotz mitunter widriger Schreibumstände an keinem einzigen Mittwoch mein Platz an dieser Stelle leer. In einer funktionierenden Stadt hätte ich das ganz sicher nicht geschafft. Wobei es ja auch nicht nur Behördenversagen, Baustellenchaos, Mietenwahnsinn, überfüllte U-Bahnen, Sperrmüllhaufen auf Bürgersteigen oder überflüssige Shoppingmalls sind, über die man sich Gedanken machen kann. Sondern eben auch die Großartigkeit Berlins, die Abenteuer, die Menschen und den wunderbaren Blödsinn, den sie den ganzen Tag verzapfen.

Wie die meisten, die sich gerne über die Stadt aufregen, will auch ich nirgendwo anders leben. Zehn Jahre sind es nun fast. Danke, Berlin, für die Geschichten und diese wunderbare Zeit. Nur die Sache mit dem Karneval musste dir echt noch mal überlegen.

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