Mein Berlin

Berlin im Gesicht macht jung und schön

Vergesst Gurken, Algen und Moor: Jung und schön wird man jetzt angeblich mit Kosmetik à la Berlin, entdeckt Nina Paulsen.

Foto: pa/Reto Klar

Also, wir werden ja alle nicht jünger. Worüber ich eigentlich ganz froh bin, weil Lebenserfahrung eine feine Sache ist, die einen ja meistens etwas klüger werden lässt. Unschön allerdings sind die körperlichen Begleiterscheinungen des Alters: Man verträgt weniger Alkohol, die Schokolade setzt schneller an und außerdem sieht das Gesicht nach einer langen Nacht plötzlich aus wie der Friedrichshainer Partykiez an einem frühen Sonntagmorgen: völlig zerstört.

Wie gut, dass es da den unerschöpflichen Erfindergeist der Drogeriemärkte gibt. Bei Rossmann fiel mir am Kosmetikregal kürzlich etwas Tolles in die Hände. Eine Gesichtsmaske „inspired by Berlin“. Woah! Das Brandenburger Tor ist auf der Packung abgebildet, die Farben Schwarz, Rot, Gold und eine Frau mit langen Beinen, langen Haaren und abartig langen Wimpern, die mit ihren Einkaufstüten offenbar gerade die neuesten Trends ge­shoppt hat. Ja, so laufen wir hier natürlich alle herum in Berlin. Immer, den ganzen Tag.

Einen „Sofort-Frische-Kick“ verspricht die Packung und einen „24h-Hydrointensiv-Effekt“. Nun. Seit es draußen nicht mehr ganz so warm ist und auch mal regnet, hat man eigentlich genug Frische und Hydro und so. Auf der anderen Seite wird ja immer viel geredet über das Lebensgefühl und die Seele unserer Stadt. Und wenn jetzt ernsthaft ein Unternehmen aus dem niedersächsischen Burgwedel dieses entschlüsselt und in ein Kosmetikprodukt gepresst hat – dann ist das schon ein bisschen witzig. Also, ein bisschen sehr.

Berlin riecht einfach nicht "betörend floral"

Was erwartet man nun also von einer Gesichtsmaske „inspired by Berlin“? Jedenfalls nicht einen „betörend floralen Duft“, wie es auf der Verpackung heißt. Hahaha. Die Burgwedler waren wohl noch nie am Kotti oder im Görlitzer Park. Oder haben einen Spaziergang über die Residenzstraße gemacht, wo täglich Zehntausende Fahrzeuge ihre Abgase herausblasen. Oder in den Katakomben des Bahnhofs am Alexanderplatz, wo sich Urin und Frittenfett zu einer nahezu unnachahmlichen Melange vereinen.

Wobei ich das alles selbstverständlich auch nicht berücksichtigt hätte, würde ich eine Berlin-Maske entwerfen. Vielleicht lieber so: eine Mischung aus Tempelhofer-Feld-Wind, dazu die leicht fischig-maritime Spree, gepaart mit Tegeler Kerosin und dem holzigen Grunewald. Eine Note Botanischer Garten wäre nicht schlecht, der Schokoladenduft von Rausch am Gendarmenmarkt, würziger Orient von der Sonnenallee. Natürlich der Geruch von Döner, denn der macht bekanntlich schöner. Und von Currywurst, um allen Geschmäckern gerecht zu werden.

Die Falten im Gesicht müssen von dieser Maske auch nicht ganz verschwinden, das wäre nicht authentisch. Das Leben in Berlin kann härter sein als der Straßenasphalt. Die Stadt ist nicht perfekt, sie ist keine langbeinige Schönheit, die ihr Geld beim Shoppen aus dem Fenster wirft. Sie ist voll von Narben, Rissen und Brüchen, ihre Verwaltung ist nervtötend wurstig. Und ihre Einwohner sind Menschen mit großer Schnauze und noch größerem Herz. Die Stadt ist hässlich – und wunderschön. Das alles müsste man zusammenmischen, um eine Berlin-Maske zu entwerfen, die ihrem Namen annähernd gerecht wird. Nach der Anwendung sieht das Gesicht dann je nach Gemütslage allerdings aus wie eine Mischung aus Dahlemer Villenviertel und, nun ja, eben Friedrichshainer Partykiez am Sonntagmorgen. Keine Ahnung, ob das jemand kaufen will.

Aber okay, vielleicht erwarte ich auch einfach zu viel. Vielleicht ist es einfach tatsächlich so, dass unsere Stadt im Rest der Republik nur eine Shopping-Metropole mit schöner Fassade ist. Bei Freunden fiel mir neulich ein englischsprachiger Deutschland-Reiseführer in die Hände, bei dem ich mich auch gefragt habe, welches Land da eigentlich charakterisiert wird: Von unerwarteten Naturschönheiten wurde da geschrieben, von Märchenwäldern, von Mittelalter und Moderne. Tatsächlich? So sind wir? Ich weiß ja nicht. Burgwedel, übernehmen Sie!

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