Zwischenmenschlich

Wenn Berliner es sich auf der Toilette gemütlich machen

Der Berliner scheint eine merkwürdige Obsession für das stille Örtchen zu hegen. Mancherorts gibt es in Berlin sogar Sofas neben dem Klo

Foto: Ralf Hirschberger / dpa

Der Berliner macht es sich ja gern gemütlich. Wobei er sich dafür schon mal Orte aussucht, wo andere nicht mal ihre Schwiegermutter hinschicken würden. Auf dem Grünstreifen mitten auf der Holzmarktstraße am Ostbahnhof sah ich kürzlich ein junges Paar beim entspannten Sonnenbaden – obwohl nur einen halben Meter entfernt an ihren Köpfen Busse und Lkw vorbeidonnerten. Am Helmholtzplatz ließen sich in den vergangenen Monaten die Menschen auch vom Presslufthammer einer großen Baustelle nicht davon abhalten, hier morgens auf dem Bürgersteig ihr Frühstücksei zu essen.

Neuerdings ist dieser Hang zur Gemütlichkeit auch auf den Toiletten der Stadt zu beobachten. Der Inhaber eines Cafés in Niederschönhausen, in dem ich kürzlich mit einer Freundin Kuchen gegessen habe, hat in die Kabine unmittelbar neben das WC einen Stuhl gestellt, der laut Aufschrift ein „Freundinnen-Stuhl“ sein soll. Die Idee, den laut Klischee stets zu zweit aufs Klo gehenden Frauen damit entgegenzukommen, ist ja ganz nett. Aber wer hält sich dort schon stundenlang zum Klönen auf, wenn draußen der Kuchen wartet?

Toilette ohne Türen

Eine Bar an der Lychener Straße in Prenzlauer Berg geht noch einen Schritt weiter: Hier steht ein Sofa im selben Raum mit dem WC, sodass theoretisch gleich mehrere Freunde das Erlebnis teilen und die angeregte Gruppendiskussion trotz menschlicher Bedürfnisse in wohnlichem Ambiente fortführen können.

Ein ebenfalls in Prenzlauer Berg gelegener Club, den es heute jedoch nicht mehr gibt, perfektionierte einst die Idee vom Klo als Ort der Kommunikation: Hier gab es zwar mehrere Toilettenkabinen, dafür aber keinerlei Türen. Ich lebte bei meinem Besuch gerade seit vier Wochen in Berlin – und fühlte mich von dieser Nacht an für alles Weitere gestählt.

Diese Obsession für das stille Örtchen ist schon irgendwie auffällig. Lichtenberg erstellt derzeit einen Klo-Atlas für den Bezirk, und größere Berliner Supermärkte sind bald verpflichtet, ihren Kunden eine Toilette bereitzustellen. In Wilmersdorf gibt es ja sogar eine Kneipe namens „Klo“. Glaubt man der Homepage des Ladens, war Frank Zander dort schon einmal Gast.

Von Sofas oder Freundinnen-Stühlen ist allerdings nichts überliefert.