Kolumne Thadeusz

Bewegende Geschichte der Frau, die mich jeden Tag ansieht

| Lesedauer: 2 Minuten
Jörg Thadeusz
Jörg Thadeusz schreibt jede Woche in der Berliner Morgenpost.

Jörg Thadeusz schreibt jede Woche in der Berliner Morgenpost.

Foto: dpa/BM Montage

Unser Kolumnist Jörg Thadeusz schreibt über ein Gemälde einer fast vergessenen Künstlerin, die ihn besonders fasziniert.

Berlin. Die Frau sieht mich jeden Tag an. Ihr Blick sagt jeden Tag etwas anderes. Scheint die Sonne, dann hat sie die Wange auf die Hand gestützt, weil sie endlich ans Wasser möchte und ich hier immer noch sitze. Leute, die sie kannten, beschreiben sie als „leidenschaftlich bewegtes Temperament“. Ist die Laune unter Wolken, dann guckt sie mich an, als wäre ich nichts als ein halb leeres Glas.

Es ist nur ein Druck, aber auch ein Schatz. Ein Selbstporträt der Künstlerin Anita Rée. Ihr Hamburger Kaufmannsvater Israel Rée hatte früh ausgesorgt. Am Silvesterabend 1899 war sie 14 Jahre alt und wollte wohl schon damals Malerin werden. Kommt nicht in Frage, entschieden ihre Eltern. Die wollten sie in eine standesgemäße Ehe helikoptern. Mit ein bisschen Malen, wenn die Kinder Zeit dafür lassen. Anita Rée ließ sich nicht hindern. Nicht aus feministischem Kampfgeist. Sondern für das Malen.

Max Liebermann sah schon bei der jungen Anita viel Begabung. Sie schulte sich in Paris. Überzeugte deutsche Kunstkundige. Reckte sich im Süden Italiens glücklich nach der Sonne. Zurück in Deutschland schalteten dann die Nazis das Licht aus. Anita Rée hatte noch einen Auftrag für die evangelische Kirche in Hamburg. Bis sie den Kirchenleuten auch als konfirmierte Protestantin noch zu jüdisch war. Sie nahm sich 1933 auf Sylt das Leben. Arm an Geld, völlig pleite in Sachen Zuversicht.

Heute öffnet in Kassel die Documenta. Der Bundespräsident kommt. Die Kunst hat eine indonesische Gruppe von Kuschelsozialisten ausgesucht, die lieber ohne israelische Künstlerinnen auskommen möchte. Hätte es Israel schon gegeben, als Anita Ree auf Sylt in jeder Beziehung fror, wäre sie vielleicht älter als 48 Jahre geworden. Nicht nach Kassel zu fahren, ist das Mindeste, was ich für die Frau tun kann, die mich jeden Tag ansieht.